Das ZDF hat gerade unfreiwillig vorgeführt, wie schmal der Grat zwischen Berichterstattung und politischer Kulissenmalerei inzwischen geworden ist. Wenige Wochen nach dem Massenansturm auf Ceuta schickt der Sender seine Zuschauer nach Marokko. Die 43-minütige Reportage „Abenteuer Auswandern: Neuanfang in Marokko“ könnte streckenweise aus der Werbeabteilung des marokkanischen Fremdenverkehrsamtes stammen.
Der „Duft von Gewürzen“ zieht durch die Gassen der Souks. Der Atlantik lockt mit seinen Stränden. In Casablanca und Marrakesch führe man ein modernes Leben. Das ZDF erzählt in wunderschönsten Bildern von Menschen, die sich so sehr in Marokko verliebt haben, dass sie dort dauerhaft leben wollen. Eine Deutsche betreibt seit Jahrzehnten ein Hotel in Marrakesch. Der Fotograf Christian Mamoun schwärmt vom kreativen Casablanca. Janina Maurus hat bei Agadir mit ihrem marokkanischen Mann eine Existenz aufgebaut. Für sie ist Marokko zur „wahren Heimat“ geworden. Das alles ist vollkommen legitim. Marokko ist ein großes Land mit modernen Städten und funktionierenden Wirtschaftsbereichen. Millionen Menschen führen dort ein ganz normales Leben. Gut, passt jetzt halt nicht ganz zu der sonstigen mühsam Potemkinschen Medienerzählung von Marokko als Shithole Fatal, aber kann ja mal passieren. Und wenn es um 0:45 Uhr gesendet wird, wer soll da schon was merken.
Ende Juli hatten mehr als 80.000 Menschen aus Marokko und anderen Staaten die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta in einem regelrechten Invasionsschwall überrannt. In den deutschen Medien begann sofort wieder die rührseligen Erklärbärstücke nach sozialen Verwerfungen für diesen Vorgang. Die Tagesschau veröffentlichte wenig später einen Beitrag mit der Überschrift „Marokkos Jugend sieht zu Hause keine Perspektive“. Ein 25-Jähriger erklärte dort seinen Traum von Europa. Er arbeite in einer Textilfabrik, verdiene jedoch zu wenig für seine Lebenspläne. Hah, man stelle sich vor, dass einfach mal 100.000 deutsche Jugendliche jetzt nach Marokko rüberschwimmen, nur, weil sie hier keine Perspektive sehen. Machen sie nicht? Nun, das könnte am dem Einzigen liegen, was in Deutschland noch funktioniert: Arbeitenden Bürgern Geld unter Zwang abnehmen und dem immer gierigeren, bald explodierenden Sozialstaat zuführen.
Das ZDF erklärte die Invasion ebenfalls mit dem starken Wunsch nach einem besseren Leben in Europa und berichtete ausführlich über mögliche soziale Ursachen.
Und ein paar Wochen später zeigt dann der gleiche Sender ein Land, das so dermaßen perspektivenlos ist, dass Deutsche freiwillig dorthin auswandern. Dort angekommen, eröffnen sie Unternehmen. Dort finden sie eine Heimat. Casablanca wird als kreative, blühende Metropole beschrieben. Marrakesch bietet deutschen Hoteliers seit Jahrzehnten eine wirtschaftliche Existenz. Ist schon seltsam, das alles. Entweder ist Marokko ein absolutes Horrorland, das so unsicher ist, dass man dahin niemanden zurückschieben kann (siehe Grüne und ihre angeschlossenen Medien) – oder aber man kann sich dort prima und wahrscheinlich mit 85% weniger strangulierender Bürokratie etwas aufbauen – wenn man denn willens und tüchtig genug ist.
Der Zuschauer bekommt jeweils diejenige Wirklichkeit präsentiert, die zum Thema der Sendung passt. Bei Massenmigration nach Europa stehen Chancenlosigkeit und der Wunsch nach einer besseren Zukunft im Zentrum. Alles in Marokko: dunkel, perspektivlos, fürchterlich. Beim Auswandern deutscher Fernsehzuschauer darf dasselbe Land plötzlich schön, dynamisch und lebenswert sein. Jetzt bekommen Sie diesen Kontrast mal auf die Reihe, ohne dass Ihnen ein paar Synapsen durchschmoren. Bei den Öffentlich-Rechtlichen offenbar längst passiert.
UKRAINE-KRIEG: Brisantes Interview mit Putin! Russland könnte Kriegsterror intensivieren | STREAM














