Deutschlands wirtschaftliche Substanz erodiert im Stundentakt. Auch der August 2026 ist eine einzige Ansammlung von Werksschließungen, von Insolvenzen und von Traditionsbetrieben, deren Zukunft plötzlich auf der Kippe steht.
Etwa 188.000 Betriebe wurden im vergangenen Jahr in Deutschland geschlossen – zehn Prozent mehr als 2024 und so viele wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht. Rechnerisch verschwanden damit 21 Unternehmen pro Stunde. Besonders hart traf es das Baugewerbe mit 24.000 Schließungen, die Gastronomie mit 15.000 und die Industrie mit 11.000 aufgegebenen Betrieben.
Allerdings war nur etwa jede achte Schließung eine Insolvenz. Fast ein Drittel der freiwilligen Aufgaben ging auf Alter und fehlende Nachfolger zurück. Das macht den Befund nicht harmlos: Auch ein Unternehmen, das ohne Gerichtstermin verschwindet, bildet keine Lehrlinge mehr aus, bezahlt keine Lieferanten mehr und bewahrt kein Wissen mehr für die nächste Generation.
Gleichzeitig nimmt das eigentliche Insolvenzgeschehen weiter Fahrt auf. Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen registriert – 7,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Stand seit 2013. Etwa 165.000 Arbeitsplätze sind davon betroffen. Besonders deutlich stieg die Zahl der Pleiten im Dienstleistungsgewerbe; auch im Bau ging es weiter bergauf.
Nur eben nicht bei den Aufträgen.
Pollin Electronic
Der bekannte Händler für Elektronikbauteile und Restposten aus Pförring in Bayern meldet Insolvenz an. Der stationäre Verkauf und der Versandhandel laufen weiter, die Löhne sind zunächst über Insolvenzgeld gesichert. Ob der vorläufige Verwalter das seit Jahrzehnten unter Elektronikbastlern bekannte Unternehmen fortführen kann, ist ungewiss.
Minus 140 Jobs.
Der Immobilienentwickler aus Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen ist erneut insolvent. Schon die Vorgängergesellschaft hatte 2023 ein Verfahren durchlaufen. Der vorläufige Insolvenzverwalter prüft Projekte, Auftragslage und Möglichkeiten zur Fortführung; die Löhne übernimmt zunächst das Insolvenzgeld.
Minus 52 Jobs.
Für die insolvente Traditionsbäckerei aus Mittelbiberach in Baden-Württemberg) endet die Produktion, die Marke verschwindet vom Markt. Fünf der zwölf Filialen werden von vier regionalen Bäckereien übernommen; dort geht auch das jeweilige Personal mit. Für die übrigen sieben Geschäfte und die Mitarbeiter der geschlossenen Backstube ist die Zukunft düster. Jobverlust: unbekannt.
Der Hersteller von Wellpappenverpackungen aus Haiterbach in Baden-Württemberg ist insolvent. Das Unternehmen wurde 1958 gegründet und betreibt neben dem Hauptsitz in Haiterbach noch ein Zweigwerk in Ottersweier und ein Lager in Altensteig. Der Betrieb läuft vorerst weiter, für die Monate Juli bis September bekommen die Mitarbeiter Insolvenzgeld.
Minus 110 Jobs.
Die Bäckereikette aus Bestensee in Brandenburg mit 54 Filialen in Berlin und Brandenburg meldet Insolvenz an. Geplant ist eine Sanierung in Eigenverwaltung. Mehrere Standorte wurden bereits geschlossen. Die Geschäftsführung nennt gestiegene Kosten und die Kaufzurückhaltung der Kunden als Gründe. Produktion und Kerngeschäft laufen weiter, das Filialnetz soll jedoch schrumpfen.
Minus mindestens 100 Jobs.
Der Haushaltswaren-Discounter aus Landsberg in Sachsen-Anhalt schließt im Zuge seiner Sanierung rund 50 seiner 183 Filialen. Als Belastungen gelten die schwache Nachfrage, hohe Energie- und Personalkosten sowie die Konkurrenz aus dem Onlinehandel. Die Eigenverwaltung ist seit Anfang August eröffnet.
Minus 71 Jobs.
Nach der Aufteilung der seit Januar insolventen Hotelgruppe mit Sitz in Berlin wird nach Angaben der Gewerkschaft NGG massiv Personal abgebaut, obwohl ein Investor 24 Häuser weiterführen will. Die insolvenzrechtlich verkürzten Kündigungsfristen machen es für die betroffenen Mitarbeiter besonders schwer.
Minus 500 Jobs.
Der Sensorspezialist aus Waldkirch in Baden-Württemberg hat sich mit dem Betriebsrat auf einen massiven Stellenabbau geeinigt. Nur ein Teil wird über Fluktuation und altersbedingte Abgänge erfolgen, es soll auch betriebsbedingte Kündigungen geben. Das Unternehmen verweist auf veränderte Marktbedingungen und geopolitische Unsicherheit.
Minus 450 Jobs.
Der Kunststoffverarbeiter und Autozulieferer aus Neunkirchen-Struthütten in Nordrhein-Westfalen meldet Insolvenz an. Rund drei Viertel des Umsatzes hängen an der Automobilindustrie. Nach dem Einbruch der Nachfrage sowie gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten wird nun ein Investor gesucht.
Minus 290 Jobs.
Die Modekette aus Köln in Nordrhein-Westfalen setzt ihre Sanierung in Eigenverwaltung fort und schließt zwei Geschäfte sowie drei Outlets. Zwei weitere Mietverträge waren bereits zuvor beendet worden. 41 Filialen sollen bestehen bleiben, Gespräche über eine Übernahme laufen.
Minus 32 Jobs.
Der Entwicklungsdienstleister der Auto-Industrie in Berlin, Gifhorn in Niedersachen und Stollberg in Sachsen reduziert bis Ende 2027 seine deutsche Belegschaft massiv. Ein Zukunftstarifvertrag sichert zwar die Standorte und schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2028 aus; tausende Arbeitsplätze verschwinden dennoch über freiwillige Programme. Berlin soll Kompetenzzentrum, Gifhorn Entwicklungsstandort und Stollberg Teil des Verbunds bleiben.
Minus 2.000 Jobs.
Nach 136 Jahren Firmengeschichte ist der Fliesenhändler aus Föhren in Rheinland-Pfalz erneut insolvent. Das Unternehmen betreibt zwölf Standorte. Die Baukrise ließ die Erlöse bereits 2023 um rund 30 Prozent und im Folgejahr nochmals um zehn Prozent einbrechen. Probleme mit einem neuen Warenwirtschaftssystem und steigende Einkaufspreise verschärften die Lage.
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