Abschied von einer Sekte, oder: Warum Helmut Kohl nicht „bodypositiv“ ist

vor etwa 2 Monaten

Abschied von einer Sekte, oder: Warum Helmut Kohl nicht „bodypositiv“ ist
Bildquelle: Tichys Einblick

Sammelbände sind unbeliebt – bei Verlegern wie beim Publikum. Warum diese Sammlung von biographisch gefärbten, sehr politischen Essays anscheinend zwei Jahre keinen Verlag fand, dürfte andere Gründe haben: Sie ist ein Dokument des Renegatentums. Vierzehn teils prominente Intellektuelle erzählen und begründen darin, warum sie nicht mehr links sind. Warum sie ausgebrochen sind aus ihren alten Milieus, und die dort herumgereichten politischen Theorien samt Aktivismus nicht mehr teilen. Was dazu führt, dass sie heute alle von den links-grün-woken Diskurswärtern als irgendwie „rechts“ oder gar als „Nazi“ verunglimpft werden.

Mathias Brodkorb, ehemaliger SPD-Spitzenpolitiker, zählt ebenso zu den Autoren wie die Kabarettisten Monika Gruber, Dieter Nuhr und Andreas Rebers. Die Kolumnisten Harald Martenstein und Henryk M. Broder haben ebenso zum Sammelband beigetragen, der kürzlich verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, der Ex-Grünen-Politiker Hubert Kleinert oder die Hannah-Arendt-Expertin Antonia Grunenberg. Die wenigsten von ihnen sehen heute ihre politische Heimat rechts der Mitte. Vielmehr schildern sie fast alle einen Punkt, einen Moment in ihrem Leben, an dem sie sich an der Doppelmoral, der Heuchelei oder schlicht der intellektuellen Dürftigkeit linker Organisationen und Freundeskreise wund stießen – und ihr Denken schließlich die Richtung änderte.

Meinungsfreiheit sollte schon damals in erster Linie „für die eigene Meinung gelten“, und nicht für die der „Abweichler“. Dieser Gesinnungsdruck habe ihn renitent gemacht, so Dieter Nuhr. Geholfen habe ihm, dass die ideologische Verbohrtheit der deutschen Kabarettistenszene durchlöchert wurde vom neuen „Comedy“-Trend. Comedy war damals eine neue, ideologiefreie Kunstform und ziemlich lustig – der GAU für alle linken Diskurswächter und Polit-Kommissare.

Als besonders schockierend erlebte Nuhr einen Besuch in der thüringischen Stadt Nordhausen am 10. November 1989. So schlimm wie es die westdeutschen Konservativen immer geschildert haben, werde es im „linken Mauerdeutschland“ schon nicht sein. Jedoch: Es war sogar schlimmer. „Die DDR war nicht erobert oder gekauft worden. Sie war unter ihrer Dysfunktionalität zusammengebrochen. Kaputt. Verstunken. Am Ende.“ Da war er: Dieter Nuhrs Moment der nicht mehr zu leugnenden Wahrheit. Und der Einsicht, dass mit den linken Parolen etwas sehr grundsätzlich nicht stimmte.

Publisher Logo

Dieser Artikel ist von Tichys Einblick

Klicke den folgenden Button, um den Artikel auf der Website von Tichys Einblick zu lesen.

Weitere Artikel