Vor dreißig Jahren wurde das Schauspiel „Ithaka“ von Botho Strauß in München uraufgeführt. In seiner Bedeutung für die Gegenwart ist dieses Märchen nicht zu überschätzen.
Der Sommer 1996 fiel in die Spätphase der langen Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl. Fern von Bonn und Berlin tobten der Tschetschenienkrieg, die Bürgerkriege in Afghanistan und Sri Lanka sowie mehrere Bürgerkriege in Afrika. Die deutsche Öffentlichkeit war mit Rechtschreibreform, Loveparade und Mauerschützenprozessen beschäftigt. Im Jahr darauf allerdings, 1997, wurde der „Tag der Deutschen Einheit“ auch zum Tag der offenen Moschee, ein damals kaum beachtetes Menetekel.
Bis zur Grenzöffnung von 2015 sollten noch 18 weitere Jahre vergehen. Indes griff Henning Ritter 2005 in einem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Das Erbe von Achtundsechzig“ eine These aus Peter Sloterdijks Buch „Weltfremdheit“ von 1993 auf: „Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt.“
Das mochte nach einem Sieg der Harmlosigkeit über die gesellschaftlichen Konflikte aussehen. Tatsächlich steckte darin das heraufziehende Drama der späten Bundesrepublik. Der gleichberechtigte Zugang zum Supermarkt galt als Lösung aller Probleme oder gleich als das Ende der Geschichte: sattmachende Umverteilung als Mittel finaler Zivilisierung, als materielle Erfüllung des Gleichheitsversprechens in der Massendemokratie. Nur wenige waren so klug, diese Idylle beunruhigend zu finden.
Zu ihnen gehörte der Schriftsteller Botho Strauß (*1944), der 1993 in seinem Spiegel-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ schrieb: „Dass jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“
Schriftsteller Botho Strauß (*1944)
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