Doktor No von Thüringen gibt auf – aber nicht sein Regierungsamt

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Doktor No von Thüringen gibt auf – aber nicht sein Regierungsamt
Bildquelle: Tichys Einblick

Die quälend lange Politik-Posse um die Doktorarbeit des Thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) kommt zum Ende: Der Regierungschef erklärte gestern, er ziehe seine Klage gegen die Aberkennung seines Doktortitels zurück. Die Umstände und vor allem die Begründung seiner Entscheidung muten bizarr an. Denn damit räumt er ausdrücklich nicht die Vielzahl von Plagiaten in seiner politikwissenschaftlichen Dissertation an der TU Chemnitz von 2008 ein.

In seiner Arbeit mit dem Titel „Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf: George W. Bush gegen John F. Kerry“ spürte der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber 140 Plagiatsstellen auf, die 36 Prozent der Promotionsschrift betreffen. Im Januar 2026 entzog die Universität Chemnitz dem Ministerpräsidenten deshalb den Doktorgrad. Seinen Widerspruch wies sie im Juli zurück. „Diese Entscheidung“ – also die angekündigte Klage zurückzuziehen – „fällt mir nicht leicht, weil ich persönlich viel Arbeit in meine Dissertation gesteckt habe“, meinte Voigt auf einer Pressekonferenz – so, als wäre die Mühe, die er mit der Promotion hatte, ein Maßstab für wissenschaftlich sauberes Arbeiten. In der Vergangenheit behauptete der Politiker: „Der wissenschaftliche Kern meiner Arbeit ist von den Vorwürfen nicht betroffen.“

Das klingt so, als sei ihm eben erst aufgegangen, dass er ein politisches Spitzenamt innehat. Zur Rechtfertigung muss über Thüringen hinaus auch noch der deutschlandweite Kampf um die „politische Mitte“ herhalten. Im September habe sich durch die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt einiges verändert, die politische Mitte stehe unter massivem Druck. „Die Härte der politischen Auseinandersetzung verlangt vollen Einsatz.“

Der Thüringer Volksmund hat schon einen Spottnamen für den schwer angeschlagenen Ministerpräsidenten gefunden: „Doktor No“.

Alexander Wendt sprach mit dem Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber. Als er Plagiate konservativer Politiker aufdeckte, galt er als Held, seit er auch linke Schwindler enttarnte, als Hassfigur. In Wirklichkeit bekämpft der Österreicher Wissenschaftsbetrug. Jetzt müssen zwei deutsche CDU-Politiker seinetwegen um ihr Amt zittern.

Tichys Einblick: Herr Weber, mit Ihrer Überprüfung der Doktorarbeiten des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt und der Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg haben Sie kürzlich gleich zweimal die deutsche Politik durchgeschüttelt. Wie fühlen Sie sich als Akademiker aus Österreich, der deutsche Politiker stürzt oder schlecht aussehen lässt?

Stefan Weber: Ich will nicht in die deutsche Politik eingreifen, indem ich Plagia­te finde, sondern es ist umgekehrt: Ich finde die Plagiate und greife dadurch indirekt in die deutsche Politik ein. Wir müssen uns die Akademiker näher anschauen. Das ist eine Vorstellung, die ich eigentlich 2005 geboren habe und die dann in Deutschland durch das GuttenPlag Wiki im Jahr 2011 – der damalige Verteidigungsminister Guttenberg musste wegen seiner plagiierten Doktorarbeit zurücktreten – sehr schnell sehr populär wurde.

Wie kam es zu dieser Idee?

Es gab die Doktorarbeit von Helmut Kohl, die geisterte irgendwann mal durch den „Spiegel“, genauso wie die vom Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, einem einflussreichen Sozialdemokraten, mal thematisiert wurde. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann vor 2005 oder 2010 große kritische Debatten über die Doktorarbeiten der Politiker in Deutschland und Österreich gab, einmal abgesehen von Achim Schwarzes Büchlein „Dünnbrettbohrer in Bonn“, das sich mit der mangelnden Qualität von Politikerdoktorarbeiten beschäftigte. Ich meine, wir müssen uns die Doktorarbeiten von Politikern genauer ansehen.

Helmut Kohl hat tatsächlich kein sehr dickes Brett gebohrt mit seiner Untersuchung über die Entwicklung der Wählerstimmen in RheinlandPfalz – aber er hat sie immerhin selbst geschrieben. Woran liegt es, dass in den vergangenen Jahren ein Politiker nach dem anderen wegen geistigen Diebstahls auffällt – und das quer durch die politischen Lager?

Das liegt schon primär am Verfall des akademischen Bildungssystems. Immer wenn Katastrophen passieren in der Gesellschaft, gibt es eigentlich ein Bündel von Vektoren, die dazu geführt haben. Schauen Sie, die übliche deutsche rechtswissenschaftliche Doktorarbeit hat im Moment 400 Seiten oder mehr. Aber es gibt so eine magische 400-Seiten-Regel: 400 Seiten liest niemand. Und da ist es natürlich eine große Verführung, gerade in der Rechtswissenschaft, diese endlosen, quälenden Fußnotenapparate, die Judikatur, die Interpretation und so weiter irgendwo abzuschreiben. Da sagt sich der Promovend: Ich muss jetzt doch bitte nicht noch einmal in die ganze Judikatur rein, da hat schon jemand den Fußnotenapparat, den übernehme ich einfach komplett. Das ist aber nicht Sinn der Wissenschaft, denn so schleichen sich Fehler ein.

Das ist der eine Aspekt. Der andere: Natürlich gab es einen großen Sprung vom analogen Arbeiten zum digitalen Arbeiten circa um die Jahrtausendwende. Jetzt entwickelt sich mit KI ein neues, fantastisches Tool, mit dem alles wahnsinnig schnell geht, mit dem man die besten Texte schreiben – und Plagiate auffinden kann. Aber das Hauptproblem ist, wenn man es auf den Kern bringt: Die Doktorarbeiten sind zu dick, die werden nicht gelesen. Es ist nicht Unvermögen, noch nicht einmal Faulheit. Es ist die Verführung, einfach zu sagen: Was muss ich denn da schon wieder durch? Das hat ja drei Jahre vorher schon mal jemand bearbeitet. Ich aktualisiere vielleicht mit zwei, drei Fußnoten, aber die übrigen 16 Fußnoten pro Seite übernehme ich aus einer älteren Doktorarbeit. Wenn man dann aber die ältere Doktorarbeit nicht zitiert, hat man ein Problem. Denn das ist ja der Sprung von der Bequemlichkeit zum vorsätzlichen Textbetrug.

Gab es denn schon früher das Phänomen, dass dermaßen viele Politiker unbedingt den Doktortitel wollten? Vor Jahrzehnten promovierten fast nur diejenigen, die danach auch in der Wissenschaft bleiben wollen.

Es gibt ja beides. Es gibt die wirklich Uneitlen, die den Titel gar nicht groß in den Mittelpunkt rücken. Einen Bachelor-, Magisteroder Diplomtitel wird man als Politiker eher nicht in den Mittelpunkt stellen. Aber es gibt eben auch andere. Ich sehe das immer, wenn ich ins benachbarte Bayern rüberfahre. Da glänzt, da prangt der Doktor schon auf vielen Wahlplakaten.

Bringt der Dr. vor dem Namen tatsächlich noch so viel Renommee? Guttenberg stürzte vor 15 Jahren über seinen zu Unrecht erworbenen Titel – und seit ihm viele, viele andere.

Ja, ich glaube, dass sich das Signal sich in den letzten 15 Jahren umgedreht hat – eben seit Guttenberg. Zunächst war der Titel eine Visitenkarte, die zeigte, dass man halt besonders gebildet ist, intelligent ist, ein Buch, eine Publikation vorzuweisen hat. Und er diente dazu, damit vielleicht auch vorzutäuschen, für die Politik besonders qualifiziert zu sein, weil man promoviert ist. Es gibt meines Wissens keine aktuellen Studien dazu, dass das eigentlich eine Karnevalsbezeichnung geworden ist, wenn ein CDU-Politiker seinen Doktortitel noch aufs Wahlkampfplakat schreibt. Für den Titel gibt es heute nicht mehr den Respekt wie früher. Und damit kommen wir darauf zurück: Was war einmal Sinn und Zweck der Promotion? Wie Sie sagen, die Promotion ebnete eigentlich den Weg in die Wissenschaft. Wer nicht in der Wissenschaft bleiben will, der belässt es bei der zweiten Bologna-Stufe.

In Mario Voigts Doktorarbeit über den US-Wahlkampf George W. Bushs gegen John F. Kerry haben Sie 140 Plagiatsstellen aufgespürt, die insgesamt 36 Prozent der Arbeit betreffen. Der Titel wurde Voigt entzogen, wogegen er klagt; er trat bisher nicht zurück und wurde wieder zum CDU-Landeschef gewählt. Was ist Ihr Gesamteindruck von Voigts Promotion?

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