Dennis Radtke wurde 1979 in Bochum-Wattenscheid geboren. Das kommt jetzt sicher für viele überraschend. Denn seit Jahren hält man den Mann für weit über 60. Ein Schicksal, das er mit seinem früh vergreisten Parteikollegen in NRW, Nathanael Liminski, teilt (war erst die Tage bei Sandra Maischberger zu besichtigen). Man möchte fragen: was hat euch bloß so ruiniert?
Radtkes Familie stammt aus der alten Arbeiterwelt des Ruhrgebiets. Beide Großväter waren Bergleute und fuhren unter Tage. Sein Vater hatte zunächst einen Volksschulabschluss und qualifizierte sich später auf dem zweiten Bildungsweg weiter. Eine Geschichte aus dem Herz des Ruhrgebiets. Radtke erzählt diese Familiengeschichte gern, weil sie zu seinem politischen Selbstbild gehört. Seine Großeltern hätten nach dem Krieg praktisch bei null begonnen und sich durch Arbeit einen bescheidenen Wohlstand aufgebaut. Am Ende besaßen sie ein Reihenhaus. Sein Vater arbeitete sich beruflich hoch. Radtke bezeichnet diese Entwicklung als das frühere Aufstiegsversprechen der Bundesrepublik.
Radtke begann sein Berufsleben im Betrieb. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann in Bochum und arbeitete anschließend als kaufmännischer Angestellter. Später wechselte er hauptamtlich zur IG BCE. Dort stieg er zum Gewerkschaftssekretär auf und wurde Bezirksleiter in Moers. 2017 rückte er dann für Herbert Reul ins Europäische Parlament nach. Heute führt Radtke die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft, den Arbeitnehmerflügel der CDU. Oder wie manche sagen: die SPD in der CDU, die den Laden auch inhaltlich übernommen hat. In Brüssel ist er seit Jahren einer der prägenden Sozialpolitiker der EVP.
Seine erste Partei war, weniger überraschend, die SPD. 2002 wechselte er dann in die CDU. Später erklärte er, die „SPD meiner Großväter“ sei „völlig tot“ und eine „reine Apparatschik-Partei“. Da kann man natürlich in eine andere Partei einwandern und die dann kapern und vershitholen. Gemäß dem Motto (abgewandelt): „man bekommt den Mann aus der SPD, aber nicht die SPD aus dem Mann“, ging es weiter. Einen eigenen programmatischen Beitrag versah er mit der Überschrift „Die CDU war nie eine konservative Partei!“. Die Union verortet er in einer politischen Mitte, die unter Angela Merkel über Jahre immer weiter nach links verschoben wurde. Radtke gehörte zu denjenigen, die diesen Kurs gegen jede Kritik verteidigten und ihm ideologische Rechtfertigung lieferten.
Besonders deutlich wurde das bei der Massenmigration. Am 3. November 2015, wenige Wochen nach Merkels Grenzentscheidung, unterstützte Dennis Radtke als IG-BCE-Bezirksleiter einen Flashmob auf der A40. Das Motto lautete „Halt mich fest – Flüchtlingen Heimat geben!“ Radtke erklärte dort, Menschen, die vor politischer Verfolgung und „der nackten Angst ums Überleben“ nach Deutschland kämen, müssten von der Gesellschaft unterstützt werden. Gewerkschafter hätten aufgrund ihrer eigenen Verfolgung im Nationalsozialismus eine „historische Verpflichtung“. Eben ein SPDler innerhalb der CDU beim Terraforming. Radtke stand 2015 auf der Seite jener Willkommenspolitik, die den moralischen Ausnahmezustand zur politischen Leitlinie erhob.
Bei Abgeordnetenwatch schrieb er zur Seenotrettung im Mittelmeer: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass ein einziger Mensch im Mittelmeer ertrinkt.“ Der Satz formuliert einen moralischen Absolutheitsanspruch, der dann aber jede nüchterne Debatte über Pull-Faktoren und die politische Steuerung von Migration zwangsläufig ertrinken lassen soll. Diese Linie setzte sich 2020 fort. Während der Krise an der griechisch-türkischen Grenze verlangte Radtke eine bessere Sicherung der EU-Außengrenzen und unterstützte zugleich weitere Aufnahmebereitschaft. In der Moria-Debatte befürwortete er ein Modell, bei dem jedes EU-Land ein eigenes jährliches Flüchtlingskontingent festlegt. Staaten mit niedrigen Aufnahmezahlen sollten sich stärker am Grenzschutz beteiligen. Wie das ausgegangen ist, wissen alle.
Dann kam der Januar 2022. Angela Merkel war wenige Wochen zuvor aus dem Kanzleramt ausgeschieden. Deutschland hatte da bereits sieben schwere Jahre Invasionskrise hinter sich. Kommunen kämpften immer härter mit den Folgen der Aufnahme. Die Union war an Merkels Kurs innerlich zerrissen worden und hatte bei der Bundestagswahl 2021 ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis eingefahren. Millionen Menschen diskutierten längst über die politischen Folgekosten von 2015. Dennis Radtke hingegen beschäftigte eine andere Frage: Wie könnte man Merkel für genau diese Politik angemessen ehren? Sein Vorschlag lautete: „Bundeskanzlerin-Merkel-Stiftung für Migration und Integration“.
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