Soziologen und Philosophen wie Hannah Arendt oder Mattias Desmet, die den Prozess der gesellschaftlich-psychologischen Massenbildung untersuchten, kommen zu dem Ergebnis, dass dieser Prozess zu drei Personengruppen führt. Da ist zunächst die Gruppe, die an die „Erzählung“, den Kristallisationspunkt der Masse, glaubt. Dieser Glaube ebnet überhaupt erst den Weg zur „Masse“. Eine zweite Gruppe glaubt zwar nicht unbedingt an diese massebildende Erzählung, läuft aber aus opportunistischen Gründen mit der ersten Gruppe mit. Schließlich gibt es noch die „störende“ Gruppe derjenigen, die nicht an die Erzählung glaubt und dies den anderen auch zu verstehen gibt. Während die klassischen Werke von Gustave Le Bon und Hannah Arendt in den neunziger und nuller Jahren in den westlichen Staaten vor allem als Analysen historischer Ereignisse wie der Französischen Revolution, des Kommunismus oder des Nationalsozialismus gelesen wurden, haben sie heute eine unheimliche Aktualität wiedererlangt. Es gibt sogar mehrere Erzählungen, die um die Vorrangstellung bei der Massenbildung ringen. Sie alle – die Erzählung vom Postkolonialismus, vom Klimasterben und von der kritischen Gendertheorie – stehen im Zeichen von Ängsten, Schuld und tiefer Verunsicherung.
Leyhausen gehört zur dritten Gruppe der Masse. Sie hat sich gegen die Aufrechterhaltung der Corona-Erzählungen gewehrt, an die Politik und die Masse noch festgehalten haben, als dies nur noch durch Nichtbeachtung und Unterdrückung dissidenter Meinungen möglich war. Sie hat an Protesten gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen und sich mit Behörden, Schulleitungen, Nachbarn und Freunden auseinandergesetzt. Dabei hat sie die Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie es so vielen Menschen erging, die nicht in Reih und Glied mit der Masse marschierten. Eine solche Ausgrenzung und Diskriminierung hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie zuvor gegeben. Um dem Gefühl der Isolation und Vereinsamung entgegenzutreten, schloss sie sich der Initiative 1-19 an. Diese ist benannt nach den Ziffern der Artikel 1–19 des Grundgesetzes, die dessen Kern bilden, und hat sich auf die Fahne geschrieben, die Grundwerte zu verteidigen und die demokratische Debattenkultur zu fördern. Die Essays und Reden, die jetzt in Buchform zusammengefasst wurden, erschienen in den Jahren 2021 bis 2025 vornehmlich im „Magazin der Initiative“ erschienen.
Leyhausen wählt den originellen Ansatz, die Aspekte der Massenbildung und der beschrittenen Irrwege vornehmlich unter sprachlich-linguistischen Aspekten zu analysieren. Schon der Titel „In unerforschte Gebiete weit hinaus“ deutet eher auf ein literarisches Werk hin, was durchaus seine Berechtigung hat, denn das Buch kommt nicht mit Ellenbogen daher, sondern besticht durch seine unaufdringliche, sachliche und elegante Art. Allein dadurch unterscheidet es sich deutlich von vielen anderen Werken, die von der Corona-Zeit handeln und die Leserschaft bereits auf der Titelseite mit aggressiven Begriffen wie „Massenmord” und passenden Superlativen anspringen. Genauso bescheiden wie der Titel und das Auftreten ist die äußere Form. Mit seinem DIN-A6-Format und Broschur-Einband ist es eigentlich ein Büchlein. Das schmälert seine Bedeutung jedoch in keiner Weise.
Der Titel des Werks hätte auch „Wahrsprechen“ lauten können, denn das umfangreichste, in drei Teile aufgeteilte Essay, das den Titel „Parrhesia“ trägt – so bezeichneten die alten Griechen das Wahrsprechen –, bildet wohl den Kern des Buches, und insgesamt bildet das Phänomen des Wahrsprechens das Leitmotiv der gesamten Sammlung. Bei der Begriffsdefinition orientiert sich die Autorin an den Berkeley-Vorlesungen des französischen Philosophen Michel Foucault aus dem Jahr 1983, in denen Parrhesia als Praxis der freien Rede bezeichnet wird. Es geht darum, frei seine Meinung zu äußern, ohne rhetorische Absichten, denn jemand, der sich der Rhetorik bedient, versuche – laut Foucault – anderen Ansichten zu vermitteln, die er selbst nicht teilt. Für jemanden, der „wahr spricht“ gilt das Gegenteil.
Voraussetzung für das von den Griechen so geschätzte Wahrsprechen ist jedoch, dass sich der Wahrsprecher durch seine Äußerungen in Gefahr begibt, indem er Kritik an Mächtigen, an der Mehrheitsmeinung oder an Freunden äußert. Daraus folgt, dass die Mächtigen selbst oder die Mehrheit in einer Demokratie nicht als Wahrsprecher auftreten können. Während der Corona-Krise gaben sich die Politiker als Wahrsprecher aus und stellten ihre eigene Deutung unter Bezugnahme auf eine abhängige „Wissenschaft“ als letzte Wahrheit dar und beanspruchten damit eine Berechtigung, die sie eigentlich nicht hatten. Die eigentlichen Wahrsprecher wurden aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt.
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