Es gibt Konstellationen, deren Entstehung sich die belletristisch geübte Phantasie nicht vorzustellen vermag. Man muss sie hinnehmen, wie man im Theater die Verbindung von Geistesarmut und einem hohen Amte hinnimmt, die als Voraussetzung des Stücks gegeben ist und die Grundlage für den mathematischen Ablauf einer Posse bildet. Was Frank-Walter Steinmeier betrifft, so wusste niemand in Berlin, wie er eigentlich in das Präsidentenpalais gelangt war. Das heißt, im technischen Sinne schon, nämlich mit einem gepanzerten Audi A8. Die Ratlosigkeit betrifft vielmehr die Frage, warum die bessere Gesellschaft des Regierungsviertels ausgerechnet auf ihn verfallen war.
Über seine glanzlose Zeit als junger Jurist wusste jeder bestens Bescheid; er verfasste damals Artikel in einem übel beleumdeten Periodikum aus dem Hause Pahl-Rugenstein, für dessen materiellen Unterhalt noch üblere Gestalten aus dem grauen Osten Berlins Geld in kleinen Köfferchen herbeischleppten. Das verhinderte keineswegs sein Fortkommen als Staatsbeamter. Aber jeder wunderte sich schon damals, dass der Mann als Minister ins politische Fach wechselte, obwohl er mit seinen täppischen Bewegungen, seiner schleppenden Stimme und in seinem allgemeinen Mangel an Temperament selbst unter Berliner Verhältnissen für keine Karriere weniger geeignet erschien.
Das öffentliche Reden war seine Sache nicht, obwohl er sogar sehr ausführlich zu sprechen pflegte. Er tat es, was das Mimische angeht, als kaue er auf einem verdorbenen Stück Fleische herum, ohne es während der gut vierzig oder manchmal sogar sechzig Minuten entweder die Speiseröhre herunter oder wieder aus seinem Mund befördern zu können. Ihm zuzuhören forderte dem Publikum noch mehr ab, als seine Blicke auf ihn zu richten, denn er pflegte einen unnatürlichen Singsang, den gutmütige Naturen pfäffisch und frechere Gemüter noch ganz anders nannten.
Als er zur ersten Wahl in seinem Leben antrat, errang er so demütigend wenige Stimmen, dass sich andere an seiner Stelle ins Privatleben davongemacht hätten. Nicht so Herr Steinmeier. Er stieg gewissermaßen gegen die Gesetze der Schwerkraft auf, ähnlich wie ein Eisenträger, der sich ohne erkennbare Ursache von einem Wertstoffhof erhebt, um eigenmächtig über dem großen Tiergarten zu schweben. Und wer weiß, wie weit er es gebracht hätte, wenn die Republik über das Präsidentenamt hinaus noch über eine höhere Stelle verfügen würde.
Wer Frank-Walter Steinmeier eingedenk dieses Lebenslaufs näher ansah, der staunte. Ein psychologisch geschulter Leser mag spekulieren, es müsste doch irgendwie ein kleines Talent die auffälligen Fehlstellen ausgleichen, vielleicht im persönlichen Umgange. Doch davon konnte keine Rede sein. Tiefe grämliche Falten zogen sich von seinen Mundwinkeln nach unten. Er lachte nie, sondern bleckte vielmehr sein Gebiss, und zwar nicht, wenn etwas Komisches dazu Anlass gab, sondern nur dann, wenn sich eine Kamera auf ihn richtete. Wer es gut mit ihm meinte, vermutete bei ihm wenigstens nach Feierabend den Genuss einiger Schoppen Wein. Dafür schien die Kupferflechte zu sprechen, die seine in Wirklichkeit bleichen Wangen so dicht bedeckte, dass es von Weitem so schien, als käme er von einem langen Sonnenbad.
Aber an geistigen Getränken, obschon er sie zu sich nahm, fand er so wenig Freude wie an geselligen Gesprächen über Literatur, Musik oder andere Felder der Bildung. In seiner Zeit als Außenminister hatte er sich eine Mitarbeiterin zur Sprecherin und Begleiterin auf Reisen gewählt, von der er sicher sein durfte, dass sie ihn nicht in derartige Konversationen hineinzog. Aus dem gleichen Grunde ergab sich auch die erst lockere und dann immer tiefere Verbindung mit der Hofschauspielerin Katja Riemann, die ihn gelegentlich und ab einem bestimmten Zeitpunkt ständig in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit beriet.
Das Wort „einfältig“ war wohl das am wenigsten bezeichnende für sie. Ihr Blick war nicht nur töricht, sondern auch von einer gewissen lüsternen Verschlagenheit, und man sah wohl, dass diese Frau nicht zu beschränkt war, um geneigt zu sein, Unheil zu stiften. Diese besorgniserregende Frau war also die halb- bis dreivierteloffizielle Zeremonienmeisterin des siebzigjährigen Präsidenten. Im Amt tuschelte man allerlei, aber nur in den unteren Diensträngen. Denn verheiratet war Herr Steinmeier auch noch. Weiter oben wusste man allerdings, dass da nichts lief. Riemann, auch die Riemannsche oder das Schrapnell geheißen, stand der Sinn nicht danach, den Mann mit den Couperosebäckchen zu verführen. Sie räkelte sich vielmehr wohlig in ihrem neu eroberten Revier, das ihr viel besser gefiel als der Kintopp. Hier genoss sie selbst dann die unerschütterliche Gunst des Staatsoberhaupts, wenn sie es sich zur Morgenlage mit dem Proseccogläschen am Besprechungstisch gemütlich machte, obwohl sie dort nichts verloren hatte. Einen Text musste sie sich nicht merken. Das verlieh ihr eine Kühnheit, von der noch zu reden sein wird.
Eine Eigenschaft des ansonsten eigenschaftslosen Herrn Steinmeier gab es doch, und zwar einen Zug, der selbst seine engsten Mitarbeiter unangenehm berührte. Denn auch dort empfand man sein überfreundliches und schmeichlerisches Betragen gegen alle Personen, selbst die rüdesten, wenn sie nur aus seinem eigenen politischen Lager stammten, als bedrückend, ja geradezu beschämend. Und nicht nur das; seine fast kriechende Selbstverkleinerung, die zu weit ging, als dass er sich seine persönliche Würde bewahrt haben könnte, erstreckte sich auch auf abstoßende Herrscher, etwa die Mächtigen in Persien, die ihre Gegner an Baukränen aufzuknüpfen pflegten und Juden den Tod versprachen. Trotzdem schickte Steinmeier ihnen ein Glückwunschtelegramm.
Kein Anblick ist hässlicher als der eines Menschen, der über seinen niedrigen Charakter ganz gut Bescheid weiß, der aber aus Feigheit und Eitelkeit dennoch liebenswürdig sein und gefallen möchte. Er war beispielsweise imstande, einer taz-Journalistin, die den Deutschen eine „buchstäbliche Dreckskultur“ vorhielt, schreiben zu lassen: „Verehrteste, Ich bin zwar gezwungenermaßen Teil dieser widerlichen Dreckskultur – aber darf ich mir trotzdem erlauben, Sie zu Tisch ins Schloss Bellevue zu laden?“ Dies ließ er ausrichten ohne Talent zur Selbstverspottung, bittersüßlich und schleimig. Doch auch das nützte ihm nichts; sie antwortete ihm nicht direkt, sondern erklärte öffentlich, er habe sie in dem Anschreiben missgendert, bei einem solchen Almantrottel werde sie natürlich nicht auf einen Tee vorbeikommen.
Die folgende Anekdote beruht gleichfalls auf Wahrheit. Als 2018 zwei arabischstämmige Männer in Chemnitz einen Einwohner der Stadt mit Messern töteten und zwei andere verletzten, und darauf Proteste gegen die nachlässigen Einwanderungsregeln ausbrachen, dachte man in den wohlgesinnten Kreisen angestrengt nach, wie sich wohl die öffentliche Aufmerksamkeit von der Mordtat schnellstmöglich abziehen und gegen den politischen Feind wenden ließ. Jemand kam auf die Idee, eine Hetzjagd auf Ausländer zu erfinden, über die man sich zu empören hatte.
Das schien den besonders Wachsamen nicht ausreichend; sie riefen außerdem noch zu einem großen Konzert mit Freibier auf. Herr Steinmeier wollte seinen Teil zu der Inszenierung beitragen, also empfahl er die Musikkapelle „Feine Sahne Fischfilet“ für den Auftritt, dessen bekanntestes Couplet so anhebt: „Ich ramme meine Messerklinge/in deine Journalistenfresse“. Das, erklärte der Schlossherr, sei ein sehr passender Gesang gegen den Hass. Eine Vertreterin der Hauptstadtpresse fragte ihn dreist, warum er denn nicht selbst zu dem Konzert und am besten dort auf die Bühne gegangen sei? „Verzeihen Sie mir!“, stammelte der Mann. „Ja, das muss ich mir vorwerfen lassen.“
Dieser sonderbare Kloß schien ständig vom schlechten Gewissen geplagt zu sein. Diesen Wesenszug kannten seine Mitarbeiter im Amt genauso wie seine Neigung, Gesinnungsfreunden auf selbstdemütigende Art entgegenzukommen. Einige wussten nicht nur darum, sie nutzten die seltsame Natur, das muss an dieser Stelle erzählt werden, kühn und mit den Jahren immer gröber aus, indem sie ihm die unsinnigsten Passagen in seine Reden schmuggelten, ihm die peinlichsten Auftritte einredeten und sich jedes Mal bestätigt sahen. Denn Steinmeier machte alles mit.
Ein Referent schob ihm beispielsweise in Vorbereitung seiner Rede in Pacific Palisades den größtmöglichen Unsinn über Thomas Manns „Zauberberg“ in den Mund, indem er ihn sagen ließ, die Figur des Doktors Leo Naphta – in der Wirklichkeit des Romans ein Jesuit mit Sympathie für den Kommunismus – sei vom Autor als Vertreter des „Völkisch-Irrationalen“ gemeint gewesen. Nie hatte man in einem Haus, das Thomas Mann einmal bewohnt hatte, etwas Dümmeres gehört, schon gar nicht aus dem Mund eines Staatsoberhauptes. Jedermann ging auf, dass er das Buch, auf das er sich berief, nie gelesen hatte.
In einer anderen präsidialen Ansprache, diesmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, erlaubte sich ein Referent sogar den Ulk, dort die Behauptung unterzubringen, im deutschen Kaiserreich wären Juden staatlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen, und andere Torheiten mehr, die Steinmeier aber brav vom Blatte las. Seine argen Helfer kicherten sehr darüber und pflegten ihn nachzumachen, wenn sie hinter dem Präsidialamt mit ihren Vapes zusammenstanden, aus denen es süßlich nach Schwarzem Afghanen roch. „Dem Uhu kannste echt jeden Shyce ins Konzept schreiben“, meinte ein vorwitziger junger Beamter namens Hildebrandt.
Das hieß, jeden nun nicht. Er machte nur willig mit, wenn sein Stab, zu dem neuerdings die vorerwähnte Riemann gehörte, ihm einredete, er müsse irgendetwas für die Demokratie und gegen Rechts tun. Demokratie verstand Herr Steinmeier als Ordnung, in der jemand wie er ins höchste Amt segeln konnte, ohne selbst zu wissen wie; rechts wiederum waren für ihn diejenigen draußen im Land, die ihn nicht nur heimlich auf dem Präsidialamtshinterhof verspotteten, sondern öffentlich. Gegen derartige Untertanen konnte sich der ansonsten so übertrieben anbiedernde Präsident außerordentlich erregen, freilich immer nur aus der machtgeschützten Innerlichkeit eines Veranstaltungssaals. Dort entfuhr ihm beispielsweise das Wort „Vulgärdemokraten“, während seine roten Wangen vor Empörung zitterten.
Apropos Anbiederung; als stärkstes Stück redete ihm ein überfrecher Berater ein, er möge zum Staatsbesuch an die Hohe Pforte einen ganzen Döner am Spieß mitnehmen, um dort eigenhändig Stücke herauszusäbeln. „Ich bitte die Frage zu verzeihen“, entgegnete Steinmeier, „aber haben die da unten nicht genug von dem Zeug? Außerdem, was soll ich wohl erst mit mir führen, wenn ich zur Staatsvisite nach Kolumbien reise?“ Hildebrandt, denn kein anderer hatte die Idee ausgeheckt, lachte herzlich. „Natürlich leidet man am Bosporus keinen Mangel an Drehfleischspießen“, meinte er lächelnd. „Aber indem Sie einen davon einpacken und mitnehmen, danken Sie der gesamten Türkenheit für die unschätzbare kulinarische Bereicherung Deutschlands, das ja selbst kaum über eine nennenswerte Cuisine verfügt. Das Unternehmen bringt Ihrer Partei nebenbei die eine oder andere Wählerstimme. Vor allem wäre es ein ganz starkes Zeichen gegen rechts.“
Bundestag LIVE: u.a. Startchancen für Kinder, Rentenpolitik & Stärkung der Zollverwaltung | 09.10.26











