Wird Deutschland nun komplett zum Nanny-Staat? Die Sozialdemokratie unterstützt jedenfalls den Vorschlag der Vorsitzenden des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann, den Alkoholverkauf an Tankstellen einzuschränken. Dazu Christos Pantazis, der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion: „Alkohol ist in Deutschland nahezu rund um die Uhr und häufig zu sehr niedrigen Preisen verfügbar.“ Diese „nahezu selbstverständliche Verfügbarkeit“ müsse man hinterfragen. „Gerade Tankstellen ermöglichen vielerorts den Kauf alkoholischer Getränke bis spät in die Nacht“. sagte Pantazis gegenüber der WELT.
Nach dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2024 trinken in Deutschland 8,6 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren riskante Mengen. Etwa 2,2 Millionen erfüllen die Kriterien einer Abhängigkeit, weitere 1,7 Millionen die eines Missbrauchs. Das Statistische Bundesamt zählte 2024 knapp 14.500 Todesfälle durch ausschließlich alkoholbedingte Krankheiten. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt die volkswirtschaftlichen Kosten auf 57 Milliarden Euro im Jahr. Pro Kopf liegt der Konsum bei etwa 10,6 Litern Reinalkohol – im EU-Vergleich liegt Deutschland damit weiter im oberen Drittel, auch wenn der Alkohol-Verbrauch seit Jahrzehnten sinkt.
AfD-Gesundheitssprecher Martin Sichert hält es allerdings nicht für eine Aufgabe des Staates, Bürger von jedem Lebensrisiko fernzuhalten. Er will Aufklärung statt weiterer Verbote und Strafsteuern, denn das sei parteipolitisch erwartbar. Und: Wer abhängig sei, organisiere sich den Nachschub auch ohne Aral-Shop. Wer maßvoll trinke, werde durch ein Nachtverbot an der Zapfsäule kaum gesünder, wohl aber genervter. Die Nachfrage verschiebe sich dann zu Spätis, zum Onlinehandel oder zum Vorratskauf im Discounter.
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