Es gibt Schauspieler, deren Namen für eine bestimmte Figur stehen. Bei Tim Curry sind es zahllose. Wer ihn einmal als Frank-N-Furter den Fahrstuhl herunterfahrensah, vergißt dieses Entree sein ganzes Leben lang nicht wieder. Curry hat die Latte bei jeder Darstellung einfach immer gleich mehrere Etagen höher gehängt. Natürlich fallen den meisten Menschen die explosive Rolle des exzentrischen Frank ein.
Gleich darauf ist es die markante Darstellung von Pennywise. Wer als Kind oder Jugendlicher Stephen Kings „Es“ mit Tim Curry als kinderfressendem Clown gesehen hatte, konnte monatelang nicht mehr ruhig schlafen. Seine Darstellung des Clowns dürfte der Branche Partyclown auf Jahre hinaus nochmals einen erheblichen Einbruch beschert haben.
Currys Darstellung des Pennywise traf zudem auf eine tiefsitzende Angst, die in Amerika längst einen realen Hintergrund bekommen hatte. Ende der 1970er Jahre hatte der Fall John Wayne Gacy das Land ins Mark erschüttert. Der Serienmörder hatte mindestens 33 Jungen und junge Männer getötet und war zugleich als „Pogo the Clown“ bei Veranstaltungen aufgetreten. Immer wieder wurde deshalb später eine direkte Verbindung zwischen Gacy und Stephen Kings Pennywise gezogen. Der reale „Killer Clown“ hatte das Bild des freundlichen Clowns mit dem verborgenen Grauen allerdings längst tief in das amerikanische Bewusstsein eingebrannt. Curry gab dieser Angst in der Verfilmung von „Es“ 1990 dann ein Gesicht zu dieser Angst.
Tim Curry besaß diese seltene Gabe, Figuren so vollständig in Besitz zu nehmen, dass man sich später kaum noch vorstellen konnte, sie könnten jemals anders ausgesehen oder geklungen haben. Dabei war gerade die Festlegung das Letzte, was zu diesem Schauspieler passte. Curry konnte komisch sein und gleich darauf unheimlich bis ins Mark werden. Auf der Bühne spielte er Mozart, Jahrzehnte später König Arthur. Millionen Kinder kannten nur seine Stimme und wussten trotzdem sofort, wer da sprach.
Am 25. August ist Curry friedlich in seinem Haus in Los Angeles gestorben. Er wurde 80 Jahre alt. Seine langjährige Managerin und Freundin Marcia Hurwitz bestätigte seinen Tod. Seit einem schweren Schlaganfall im Jahr 2012 war Curry auf einen Rollstuhl angewiesen. Die „New York Times“ erinnerte an seine Begabung für grelle Exzentrik und an jene geschmeidige, volle Stimme, mit der er seinen Figuren eine zusätzliche Dimension geben konnte.
Ein Nachruf auf Tim Curry beginnt ganz zwangsläufig mit Dr. Frank-N-Furter, so auch dieser. Nicht weil diese eine Rolle sein Lebenswerk erschöpfen würde, sondern weil sie erklärt, weshalb Curry von Anfang an anders war.
1973 kam am Royal Court Theatre in London ein kleines Musical von Richard O’Brien auf die Bühne. „The Rocky Horror Show“ war eine Liebeserklärung an billige Science-Fiction-Filme und zugleich eine lustvolle Attacke auf fast jede Konvention, die damals auf einer britischen Bühne noch halbwegs unangefochten war. Curry spielte den außerirdischen Wissenschaftler Frank-N-Furter. Er kam zum Vorsingen und sang Little Richards „Tutti Frutti“ aus voller Seele. Anschließend erhielt er die Rolle, natürlich. Und drückte ihr für alle Zeiten seinen Stempel auf. Für Frank-N-Furters Stimme experimentierte Curry zunächst mit verschiedenen Akzenten. Dann hörte er in einem Londoner Bus eine vornehme Dame sprechen und wusste, wie sein Wissenschaftler klingen musste: gebildet, aristokratisch und mit jenem Ton selbstverständlicher Überlegenheit, der aus jeder Geschmacklosigkeit eine königliche Verfügung machen konnte. Curry erzählte die Geschichte auch noch Jahrzehnte später immer wieder gerne.
Sein Frank-N-Furter war ein explosives Ereignis für Augen. Ohren und Verstand. Curry spielte die Provokation mit großer Selbstverständlichkeit. Strapse, Korsett und Schminke wurden bei ihm nie zur Verkleidung, hinter der ein Darsteller Schutz suchte. Er bewegte sich darin mit einer Sicherheit, die der Figur ihre volle Kraft gab. Wenn Curry „Sweet Transvestite“ sang, sah das Publikum keinen Schauspieler, der bemüht oder dringend beweisen wollte, wie gewagt doch seine Rolle war. Frank-N-Furter war bereits von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt.
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