Unter den zahlreichen Regierungserklärungen deutscher Bundeskanzler finden sich großartige Dokumente. Die Redemanuskripte großer Kanzler wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, aber auch der Sozialdemokraten Willy Brandt und Helmut Schmidt sind Zeitdokumente der entschiedenen Suche nach Orientierung und Positionierung der Bundesrepublik in den schwierigen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auch ihre Nachfolger Helmut Kohl und Gerhard Schröder lieferten Dokumente rhetorischer Kraft und gaben Orientierung. Mit Angela Merkel verblassten diese rhetorischen Kompetenzen zu Imperativen der Alternativlosigkeit. Im Falle von Olaf Scholz gerieten Sprachkunst sowie politische und visionäre Kraft in einen regelrechten Abstiegskampf.
Ein bislang unbekanntes Phänomen in dieser Kategorie ist der gegenwärtige Bundeskanzler. Friedrich Merz entführt seine verblüfften Zuhörer in seinen Reden immer wieder in orwellsche Parallelwelten. So geschehen am Donnerstagmorgen im Bundestag. Merz hielt eine kurzfristig angesetzte Regierungserklärung und stellte dabei erneut seine Meisterschaft in der Disziplin unter Beweis, spontane rhetorische Inversionen und die Verhöhnung der Realität im kaskadenartigen Aufbau von Parallelwelten zu vollziehen.
Merz sieht sich als Modernisierer dieses Landes, das er gemeinsam mit seinem Koalitionspartner in die Zukunft führe. Die Koalition, so der Kanzler, habe sich als Regierung der Erneuerung auf den Weg gemacht. Verblüffend, steckt doch das Land tief in einer ökonomischen Depression fest, während die ideologisch-kulturelle und wirtschaftliche Krise durch sämtliche Poren der Gesellschaft trieft und nur Profiteure dieses Verfalls bestreiten würden, dass sich das Land in bedrohlichen Gewässern befindet.
DEUTSCHER BUNDESTAG: Regierungserklärung ‒ Kanzler Merz beschwört den "Geist von Ankara" | LIVE










