Möge die schönere Sprache gewinnen

vor 2 Monaten

Möge die schönere Sprache gewinnen
Bildquelle: Tichys Einblick

Im Kasseler Rathaus wurde Harald Martenstein am 12. Juni mit dem Deutschen Sprachpreis 2026 ausgezeichnet. Es war eine festliche, gut vorbereitete und in vielen Momenten auch heitere Veranstaltung. Die Henning-Kaufmann-Stiftung für die deutsche Sprache ehrte einen Autor, der seit Jahrzehnten zeigt, was ein klarer Satz leisten kann: provozieren, erhellen, widersprechen, zum Lachen bringen – und manchmal auch zum Nachdenken zwingen.

Den Rahmen setzte Prof. Dr. Dr. h.c. Helmut Glück aus Bonn, Sprecher des Stiftungsvorstands. Er erinnerte daran, dass Henning Kaufmanns Interesse der „Entwicklung und Pflege unserer Sprache insgesamt“ gegolten habe. Genau aus diesem Interesse sei die Stiftung hervorgegangen. Der Deutsche Sprachpreis werde seit 1984 verliehen. Wer ihn bekomme, müsse sich um „Pflege und Förderung der deutschen Sprache“ verdient gemacht haben – und zwar mit öffentlicher Wirkung. Auch der „kreative, innovative Gebrauch“ der Sprache oder ihre Erforschung könnten preiswürdig sein.

Glück stellte zugleich klar, worum es bei diesem Preis nicht gehe. „Unser Preis ist ein Sprachpreis, er ist kein Literaturpreis“, sagte er sinngemäß. Und weiter: Er sei „auch kein politischer Preis“, auch wenn Sprachfragen immer wieder politische Dimensionen hätten – von der Rechtschreibreform über Anglizismen bis zum Gender-Deutschen. Die politische Orientierung der Preisträger spiele bei der Wahl keine Rolle. Ausgezeichnet würden „allein sprachliche Verdienste“.

Damit war eigentlich gesagt, worum es an diesem Abend gehen sollte: nicht um Parteipolitik, nicht um Lagerdenken, nicht um die bequeme Frage, auf welcher Seite jemand angeblich steht, sondern um Sprache. Martenstein wurde nicht für eine parteipolitische Haltung geehrt, sondern für sein Handwerk: die Kolumne, die Pointe, den klaren Satz, den überraschenden Dreh.

Gerade bei Harald Martenstein ist diese Klarstellung wichtig. Kaum ein Autor seiner Generation wird so schnell falsch einsortiert. Wer seine Texte nur durch die Brille aktueller Empörungsmechanik liest, macht aus einem streitbaren Demokraten rasch eine Chiffre für irgendetwas Rechtes. Wer gegen eine Brandmauer-Rhetorik argumentiert, ist dann nicht mehr jemand, der demokratische Verfahren, Rechtsstaat und politische Reife einfordert, sondern wird reflexhaft in die Nähe jener Partei gerückt, über deren Umgang er gerade rechtsstaatlich sprechen will.

Das ist bequem, aber nicht genau. Martenstein ist kein Demagoge einer Richtung. Eher ist er, bei allem Hang zur Zuspitzung, ein Autor mit Altersweisheit: skeptisch gegenüber moralischer Selbstgewissheit, empfindlich gegenüber Ausgrenzungsmechanismen, misstrauisch, wenn eigene Gefühle oder Milieu-Meinungen zur geltenden Kultur erklärt werden sollen. Seine Pointe ist nicht: alles ist erlaubt. Seine Pointe ist: Demokratie muss mehr aushalten als die eigene Meinung.

Dass die Stiftung ihn als Kolumnisten ehrt, ist deshalb folgerichtig. Glück verwies darauf, dass Journalisten unter den bisherigen Preisträgern selten waren. Er zitierte frühere Maßstäbe für Zeitungssprache: Sie solle „lebensnah und verständlich, kraftvoll und durchsetzungsfähig“ sein, zweckgerichtet und nicht in erster Linie künstlerischem Stil verpflichtet. Sprache diene schließlich „der Klärung und der Verständigung“. Martenstein, so Glücks Linie, stehe in dieser Tradition und sei doch ein Fall eigener Art: „Martenstein ist der erste, der als Kolumnist und als Meister der Journalistik in Deutsch unsere Auszeichnung erhält“, hieß es im Transkript sinngemäß.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nahm diesen Faden in ihrer Laudatio auf. Sie tat es nicht als Parteirednerin, sondern als Laudatorin, die Martenstein vor allem von seiner sprachlichen Seite betrachtete. Schon ihr Einstieg war im Ton des Geehrten gehalten. Eine Laudatio, sagte sie sinngemäß, sei eine Rede, „wenn man jemandem sagt, wie gut er ist, während er daneben sitzt und so tut, als sei das sehr unangenehm“.

Dann wurde sie deutlicher. Martenstein werde ausgezeichnet, „obwohl er sich seit Jahrzehnten weigert, sich den jeweils aktuell amtlich verordneten Sprachbedinglichkeiten anzupassen“. Das war einer der Sätze, bei denen der Saal spürbar wusste, worum es geht: nicht nur um Stil, sondern um Haltung zur Sprache. Klöckner nannte ihn einen Autor, der unsere Sprache „in ihrer reinsten und präzisesten und schmerzhaftesten Form auf den Punkt“ bringe. Die Henning-Kaufmann-Stiftung ehre einen Mann, der nicht nur Texte verfasse, sondern „ein Handwerk zelebriert“.

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