Hört endlich auf mit dem Ossi-Bashing!

vor etwa 3 Stunden

Hört endlich auf mit dem Ossi-Bashing!
Bildquelle: NiUS

Groß ist die Angst vor einem Wahlerfolg der AfD – jedenfalls bei den „Eliten“. Der Schuldige für das wahrscheinliche Desaster der etablierten Parteien in Sachsen-Anhalt ist auch schon ausgemacht: der Ossi, der „Wutbürger“, der die Demokratie angeblich nicht verstanden hat. Zeit, an ein paar Dinge zu erinnern.

In Sachsen-Anhalt deutet sich eine Riesenklatsche für die etablierten Parteien an. Nur alle Wahlverlierer zusammen könnten den ersten AfD-Ministerpräsidenten verhindern. Statt sich zu fragen, warum diese Partei – auch in westdeutschen Bundesländern! – immer stärker wird, ja Rechtsparteien in ganz Europa vom Versagen linker Regierungen profitieren, wird der „Jammer-Ossi“ pathologisiert. Rundfunk und Presse, Politiker, selbst Kabarettisten arbeiten sich an der Frage ab, was mit den Ostdeutschen, die noch stärker zur AfD tendieren als Westdeutsche, nicht stimmt.

Das ARD‑Magazin „Monitor“ etwa fragte Ende Juli, ob die AfD „zurück zur DDR“ wolle. Wieder einmal wurde das Bild vom „abgehängten“ Osten gemalt, der ostdeutsche AfD-Wähler als jemand porträtiert, dem man die Demokratie erklären muss: Entweder hat er sie nie verstanden (DDR‑Sozialisation), oder er hat sie verstanden und will sie loswerden (autoritäre Sehnsucht), oder er ist so verletzt und abgehängt, dass er nicht mehr zurechnungsfähig wählt.

Kürzlich veröffentlichte der Kabarettist Florian Schroeder ein Video mit dem Titel „Klappe halten, Jammer Ossis“. Der Osten sei „das lebende Stockholm-Syndrom“. Man werfe dem Staat die Bevormundung vor, die man aus der DDR kenne – und wolle genau diese Bevormundung. „Ihr wollt gegängelt und getreten werden.“ Demokratie bedeute nicht, dass der verachtete Staat alle Probleme löse. Wer Putin beklatsche, solle sich ihm doch „bedingungslos an den Hals“ werfen. Das wäre die „richtige Wiedervereinigung, nämlich die mit Russland“. Und: „Vielleicht kriegt ihr die ja bald.“

Schroeder hat offenbar vergessen, dass es die DDR-Bürger waren, die 1989 die SED-Diktatur friedlich zu Fall brachten. Dahinter stand eine gewaltige demokratische Bürgerbewegung. Die Menschen gingen nicht auf die Straße, weil sie einen autoritären Staat zurückhaben wollten. Sie gingen auf die Straße, weil sie ihn loswerden wollten, gründeten Bürgerbewegungen, forderten freie Wahlen, riskierten Repression, während Intellektuelle im Westen den Arbeiter- und Mauernstaat als „kommode Diktatur“ verharmlosten.

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