Schreitet man das Ufer des Britzer Verbindungskanals im ruhigen Südosten Berlins ab, duftet es nach Kaffee; es ist ein irgendwie gespenstischer Ort auch heute noch. Entlang des wild bewachsenen und fast menschenleeren ostberliner Ufers des schmalen Kanals führt ein Weg, über den nur unregelmäßig gestresste Radfahrer mit strengen Trainingsplänen rasen – mit wenig Verständnis für Menschen, die hier nach der Vergangenheit suchen. Heute durchschneidet eine Autobahn aus brutalem Beton die Büsche, die hier wortwörtlich über die Geschichte gewachsen sind.
Schilder der Stadt Berlin, die auf die Vegetation hinweisen, fallen stärker auf als die wenigen verrostenden Hinweise auf den Todesstreifen und die Stelle, an der Chris Gueffroy 1989 im Alter von 20 Jahren erschossen wurde. Am anderen Ufer, auf westberliner Seite, steht eine Fabrik von Jacobs-Kaffee. Auch als dieses schmale Gewässer noch die tödliche Grenze war, strömte von hier jener feine Geruch des Westens herüber, der eine eigentümliche Qual auf die jungen Soldaten ausgeübt haben muss, die hier mit Kalaschnikows die DDR-Grenze sichern sollten.
Unüberwindbar wurde diese Grenze weniger durch „die Mauer“, als durch ein System, das um eine perfide Frage kreiste: Wie bringt man Zehntausende junger Leute, deren sozialistische Überzeugung spätestens Ende der 80er-Jahre schwer ins Rutschen geraten war, dennoch dazu, zu jeder Tages- und Nachtzeit binnen weniger Sekunden die Entscheidung zu treffen, Gleichaltrige auf ihrem Weg in die Freiheit mit tödlichem Dauerfeuer zu „vernichten“?
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