Was bedeutet „Gasmangellage“ – und wie gefährlich wird sie für unser Land?

vor etwa 10 Stunden

Was bedeutet „Gasmangellage“ – und wie gefährlich wird sie für unser Land?
Bildquelle: NiUS

Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Zur Halbzeit des Sommers waren sie nur zu 49 Prozent gefüllt, im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt immerhin schon 67 Prozent. Das Wirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) beschwichtigt, übt sich in Optimismus und verweist darauf, dass die Politik hier nicht eingreifen wolle. Eine Krise oder eine Gasmangellage seien mehr oder weniger ausgeschlossen. Die eigenen Zahlen sagen aber etwas anderes.

Knapp 20 Prozent fehlen im Vergleich zum Vorjahr und ganze 31 Prozentpunkte fehlen zum gesetzlichen Ziel von 80 Prozent Füllstand in den Gasspeichern, das eigentlich bis zum 1. November erreicht sein soll. Um das noch zu schaffen, müssten nach Berechnungen der Fernleitungsnetzbetreiber täglich bis zu 1,2 Terawattstunden eingespeichert werden. Das wäre der höchste Wert, der am deutschen Gasmarkt je gemessen wurde. Es ist also absolut unwahrscheinlich, dass das passiert. Aktuell liegt die Einspeicherung deutlich darunter. Der Branchenverband INES bestätigt: Das ist der schlechteste Wert seit 15 Jahren Aufzeichnungsgeschichte. Parallel dazu hat sich der Großhandelspreis an der niederländischen TTF-Börse für Gas seit Kriegsbeginn im Iran mehr als verdoppelt: von rund 30 Euro auf etwa 64 Euro je Megawattstunde. Tendenz steigend. Mittlerweile kommen die Effekte auch beim Privatverbrauch an. Neukundenverträge für Gas sind laut Verivox bereits um 20 Prozent teurer geworden. Bestandskunden trifft es zeitversetzt, aber es trifft sie: Verbraucherschützer rechnen mit Preisaufschlägen von 10 bis 20 Prozent, Haushalte mit Gasheizung müssen sich auf bis zu 20 Prozent höhere Heizkosten einstellen.

Nach außen verbreitet das Bundeswirtschaftsministerium Zuversicht: Eine Mangellage sei nicht zu erwarten, ein staatlicher Eingriff derzeit nicht vorgesehen. Hinter den Kulissen soll laut verschiedenen Medienberichten eine „hohe Nervosität“ herrschen. So hoch, dass Gashändler mehrfach öffentlich direkt aufgefordert wurden, mehr einzuspeichern. Wer öffentlich einerseits Entwarnung gibt und gleichzeitig hinter verschlossenen Türen und über die Medien die Branche zur Eile antreibt, hat offenbar selbst kein Vertrauen in die eigene Beruhigungsformel. Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller (früher unter anderem Grünen-Politiker und Grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein) findet für den aktuellen Stand deutliche Worte: Die aktuelle Situation sei „nicht zufriedenstellend“. Auch er appelliert wie Reiche ausdrücklich an die Verantwortung der Händler und Versorger, dass sie für Sicherheit bei den Gaslieferungen sorgen müssten. Müllers Bundesnetzagentur spielt bei der Energie- und Gasversorgung eine zentrale Rolle. Wenn es schlecht läuft, dann muss die Bundesnetzagentur radikale Maßnahmen ergreifen. Das ist ein Szenario, das Müller schon aus eigenem Interesse verhindern will. Und deswegen erhöht er den medialen Druck. Ob es etwas bringt, ist mehr als ungewiss.

Gleichzeitig bringt Müller noch einen weiteren bemerkenswerten Vorschlag ins Spiel: Die staatlichen Füllstandsvorgaben, die genau diese Krisen verhindern sollen, will er am liebsten ganz abschaffen. Das passt nicht so ganz zusammen und die Begründung dafür klingt auch sehr konstruiert. Die Vorgaben hätten sich zwar bewährt, so Müller gegenüber der Zeit. Inzwischen überwögen aber die Fehlanreize, weil Händler darauf spekulierten, der Staat greife ohnehin ein, wenn die Ziele verfehlt würden. Im Klartext: Die Vorgabe, die eigentlich Sicherheit schaffen sollte, sorgt jetzt aktiv dafür, dass Händler abwarten statt einzukaufen. Warum sollten sie auch jetzt einkaufen? Das wäre kein gutes Geschäft. Die Märkte sind unvorhersehbar und vielleicht bieten sich in späteren Zeiten noch bessere Konditionen. Müllers Appell an die Verantwortung der Gashändler und die gleichzeitige Forderung nach dem Abschaffen von Mindestfüllständen zeigen, dass die Verzweiflung doch höher ist, als nach außen zugegeben wird.

Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller

Die Vorgaben zu den Füllständen können ohnehin nicht erzwungen werden. Zumindest nicht so schnell, dass in den nächsten Tagen oder Wochen die Gasspeicher merklich mehr gefüllt sein würden. Sondern es würde langwierige Streitigkeiten und Gerichtsverfahren geben, in denen erst einmal geklärt werden müsste, ob und wie die Bundesregierung überhaupt solche Vorgaben machen kann und durchzusetzen berechtigt wäre. Zudem ist es auch noch eine große Frage, wie genau das Ganze denn im Ernstfall überhaupt durchgesetzt werden sollte. Wie können Gashändler gezwungen werden, Waren zu kaufen, von denen sie wissen, dass sie damit kein Geld verdienen, vielleicht sogar Verlust machen? Das wäre dann nicht nur ein staatlicher Eingriff in den Markt, sondern unter Umständen sogar ein vorsätzliches Treiben von Unternehmen in die Pleite. Dass so etwas nicht einfach so zulässig und machbar ist, ist mehr als offensichtlich.

Dabei verhalten sich die Gashändler rational und unternehmerisch und orientieren sich schließlich einfach an den Gesetzmäßigkeiten des Gasmarkts – ein Markt übrigens, der schon jetzt staatlich sehr reguliert und kontrolliert ist. Der bisher immer funktionierende Mechanismus im Markt ist simpel: Eigentlich kaufen Händler im Sommer billig ein und verkaufen im Winter teurer. Das aktuelle Marktumfeld dreht das um: Weil die von den USA blockierte Straße von Hormus die globalen Öl- und Gasflüsse abwürgt und Donald Trump zuletzt erklärte, es fänden derzeit keine neuen Verhandlungen mit dem Iran statt, bleibt Gas auch im Sommer teuer. Händler warten deshalb lieber ab, ob der Preis noch fällt, statt jetzt zu kaufen. Und die Speicher bleiben leer.

Hinzu kommt ein zweites, hausgemachtes Problem: der globale Wettbewerb um Flüssigerdgas. Nach Berechnungen des Marktforschers Montel hätte Europa zwischen Mai und Juli monatlich rund 130 statt der tatsächlich gelieferten 105 LNG-Ladungen gebraucht, um bis November auf 80 Prozent zu kommen. Für August bis Oktober wären sogar mehr als 140 Ladungen pro Monat nötig. Ohne Entspannung an der Hormus-Front ist das aber schlicht unrealistisch. Der Grund: Asien zahlt mehr. Die US-LNG-Lieferungen nach China, Japan, Südkorea, Taiwan und Indien haben sich zwischen März und Juli verdreifacht, im Juli ging erstmals mehr US-Flüssiggas nach Asien als nach Europa. Wer am meisten bietet, bekommt die Tanker. Europa bietet derzeit nicht genug.

Während die Speicher leerlaufen, wächst gleichzeitig die deutsche Abhängigkeit vom Erdgas kontinuierlich weiter, nämlich bei der Stromerzeugung. 17 Prozent des deutschen Stroms kamen 2025 aus Gaskraftwerken. Das ist ein historischer Höchstwert, nach einem Rekord-Startquartal 2026. Bemerkenswert, denn eigentlich sollte es doch mit der Energiewende-Politik so sein, dass der Verbrauch von Gas und anderen „fossilen“ Energieträgern sinkt. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Der Kohle- und Atomausstieg haben ein Loch hinterlassen, das die Erneuerbaren Energien eben nicht füllen, sondern Gaskraftwerke, die immer dann einspringen müssen, wenn Wind und Sonne schwächeln. Und weil diese Kraftwerke mit ihren hohen Kosten in Deutschland besonders oft den Strompreis am Großhandelsmarkt bestimmen, wird jede Gaspreisspitze künftig doppelt teuer: einmal beim Heizen, einmal an der Steckdose.

Deutschland leistet sich nämlich zwei Stromnetze auf einmal. Zum einen ist es das Netz für die Erneuerbaren Energien, also Windräder und Solaranlagen. Diese Anlagen speisen Energie in das Stromnetz. Allerdings immer nur dann, wenn der Wind kräftig weht und die Sonne auch ordentlich scheint. Zu diesen Zeiten gibt es sogar eine Überproduktion an Energie und Strom. Dann müssen die Anlagen heruntergeregelt werden. Bedeutet also, dass, obwohl der Wind kräftig weht, Windräder ausgestellt werden, damit die Einspeisung an Energie in das Stromnetz nicht zu hoch ist. Gleiches gilt auch für Solarenergie: Wenn in Deutschland zu viel Solarstrom produziert wird, dann wird dieser Strom von den Solarbetreibern einfach nicht abgenommen. Sie müssen also ihre Anlagen vom Netz trennen und abschalten, obwohl sie eigentlich auf vollen Touren laufen könnten. Diese Maßnahmen sind damit begründet, dass die Netzstabilität sichergestellt sein muss. Jedes Stromnetz braucht eine bestimmte Auslastung, damit es stabil laufen kann. Wenn die Auslastung zu niedrig ist, dann bricht das Netz zusammen. Aber auch wenn die Auslastung zu hoch ist, also zu viel Energie in das Netz eingespeist wird, kann es kollabieren. Das kennen wir ja auch aus unserem eigenen Haushalt. Nämlich dann, wenn die Sicherungen durchbrennen.

Windräder und Solaranlagen: Diese Anlagen speisen Energie in das Stromnetz. Allerdings immer nur dann, wenn der Wind kräftig weht und die Sonne auch ordentlich scheint.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund für das Abriegeln und Aussperren von Strom aus Erneuerbaren Energien. Und das sind die Preise. Denn hier greifen wieder Angebot und Nachfrage. Wenn zu viel Strom über Windkraft und Solarkraft erzeugt wird, dann entsteht ein Überangebot an Energie an den Strombörsen. Und dieses Überangebot führt dazu, dass die Preise fallen. Im Extremfall, und das ist in der Vergangenheit gar nicht mal so selten der Fall gewesen, sind die Preise sogar negativ. Unternehmen müssen also dafür bezahlen, dass sie ihren Strom irgendwie loswerden, und das ist ein Minusgeschäft. Um also ein solches Überangebot und damit negative Preise zu verhindern, werden die Anlagen vom Markt beziehungsweise vom Netz genommen.

Das ist aber sozusagen das positive Szenario und ein Szenario, das nicht unbedingt repräsentativ ist für die Stromerzeugung in Deutschland. Denn weder Sonne noch Wind sind konstant und damit ist eben auch die Stromerzeugung aus Sonne und Wind nicht konstant. Sogenannte Dunkelflauten sind hierfür das berühmteste Beispiel. Bedeutet also: Weder die Sonne scheint noch der Wind weht und damit gibt es auch keine Stromproduktion aus diesen Anlagen. Damit nun das Netz nicht zusammenbricht, weil es zu wenig Energie eingespeist bekommt, müssen andere Energieträger einspringen. Und genau das sind eben die Gaskraftwerke. Letztlich müssen in Deutschland so viele Gaskraftwerke bestehen bleiben und auch ständig laufen und in Bereitschaft sein, damit der gesamte Strombedarf des Landes gedeckt werden kann. In Zeiten hoher Einspeisung von Energie aus Sonne und Wind laufen diese Gaskraftwerke auf Sparflamme, aber sie laufen und verursachen damit Kosten. Immer dann, wenn die Energie aus Sonne und Wind einbricht oder auch ganz ausbleibt, müssen diese Gaskraftwerke schnell hochgefahren werden und die Lücken ausfüllen.

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