Die kleine Sünde und die große Glocke

vor 1 Tag

Die kleine Sünde und die große Glocke
Bildquelle: Tichys Einblick

Robert Spaemann war ein frommer, aber auch ein kluger, ein lebenskluger Mann. Und Sohn eines Priesters. Da er Humor besaß, hat er gelegentlich erzählt, wie er und seine Geschwister eine gemeinsame Straßenbahnfahrt dazu benutzt hatten, ihren Vater, im Römischen Kragen als Geistlicher leicht erkennbar, zu erpressen. „Wenn du uns nicht dies und das erlaubst“, hätten sie ihm zugeflüstert, „sagen wir ganz laut Papi zu dir.“

Dieser Vater war evangelischer Pfarrer gewesen, hatte geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt. Dann waren ihm Zweifel gekommen, er hatte sich der katholischen Theologie zugewandt, war konvertiert und von den Auflagen des Zölibats nachträglich entbunden worden. Die Kirche war eben nicht nur streng, sie war auch weise. Sie wusste, dass es zwei Reiche gab und dass man dem einen dienen konnte, ohne das andere zu verraten.

Die Gläubigen wussten das auch. Die Frau des Pfarrers hieß eben Haushälterin, und Kinder waren schon deshalb kein Problem, weil sie dem zuständigen Bischof den jährlich zu entrichtenden Gulden einbrachten. Noch jüngst hat Petra Morsbach in ihrem (von der Konrad-Adenauer-Stiftung preisgekrönten) Roman „Gottesdiener“ von einem rüstigen Priester berichtet, der morgens, wenn die Männer bei der Arbeit waren, über Land zog, um den Frauen auf seine Art den Segen zu erteilen.

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