Am 12. Juni herrschte in der saarländischen Stadt Völklingen Ausnahmezustand. Tausende Beschäftigte der heimischen Stahlindustrie waren dem Aufruf der IG Metall und der Betriebsräte zum großen „Stahl-Aktionstag“ gefolgt. Sie trieb die sehr reale und berechtigte Existenzangst um ihre Arbeitsplätze und die Zukunft ihrer Familien auf die Straße.
Oben auf der Bühne inszenierte sich derweil ein eng geknüpftes Netzwerk, das man getrost als „saarländische Stahl-Allianz“ bezeichnen kann: Vertreter der Betriebsräte, Funktionäre der IG Metall, Landespolitiker wie Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sowie der Chef der Stahl-Holding-Saar (SHS), Stefan Rauber.
Rauber steht sinnbildlich für das dichte, historisch gewachsene Beziehungsgeflecht an der Saar: Vor seinem Wechsel an die Konzernspitze agierte er unter anderem als Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion und verantwortete anschließend als Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium die saarländische Energie- und Industriepolitik.
Sein politischer Chef in diesen Positionen war der damalige SPD-Landesvorsitzende und Ex-Bundesminister Heiko Maas, der heute wiederum als Aufsichtsratschef der SHS-Gruppe fungiert. Man kennt sich an der Saar.
Die Kernbotschaft dieser eng vernetzten Allianz in Richtung Berlin und Brüssel war laut und unmissverständlich: Die Politik müsse strikt an der planmäßigen Verteuerung der CO₂-Emissionen festhalten, auf der das 4,6 Milliarden Euro teure Umbauprojekt „Power4Steel“ kalkulatorisch aufbaut.
Konkret forderte man auf der Bühne des Aktionstags die unnachgiebige Fortführung des europäischen Emissionshandels (ETS), die lückenlose Anwendung des neuen Klima-Zolls (CBAM) an den Außengrenzen sowie die sofortige Schaffung sogenannter „grüner Leitmärkte“ – also staatlicher Kaufgarantien für grünen Stahl. Wer diese Forderungen jedoch kaufmännisch übersetzt, blickt in den Abgrund einer industriepolitischen, ökoplanwirtschaftlichen Geisterfahrt.
Die ökonomische Realität: Systematische Konkurrenzabwehr statt Wettbewerb
Im Kern geht es bei diesen Forderungen um das nackte Überleben eines Projekts, das am freien Markt keine einzige Sekunde bestehen könnte. Die klassische Stahlherstellung über die Hochofenroute kostet derzeit etwa 450 Euro pro Tonne.
Die anvisierte Produktion von „grünem Stahl“ hingegen, der auf absehbare Zeit mangels ausreichenden und bezahlbaren Wasserstoffs maßgeblich mit Erdgas befeuert werden muss, treibt die Herstellungskosten auf 800 bis 1.000 Euro pro Tonne in die Höhe. Es klafft eine gewaltige Lücke von bis zu 500 Euro pro produzierter Tonne.
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