Am 11. Oktober verbreitet der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský auf X eine Grafik, die einen spektakulären Einbruch der Online-Aktivität rund um die AfD belegen soll. Der Grund für den angeblichen Absturz: Ukrainische Drohnen haben russische Rechenzentren zerstört, aus denen offenbar große Teile der Unterstützung für die deutsche Oppositionspartei gesteuert worden seien. Ein Beweis für die Abhängigkeit der AfD von russischer Propaganda, so die Botschaft. Mehr als drei Millionen Mal wird der Beitrag angezeigt. Was der Europaabgeordnete seinen Lesern als aufschlussreiche Entdeckung präsentiert, erweist sich bei näherer Prüfung als eine Ansammlung unbelegter Behauptungen.
Die Geschichte trifft DEN Nerv im politischen Milieu der selbst ernannten Demokratieverteidiger. Endlich scheint die Erklärung gefunden, weshalb die AfD seit Jahren immer stärker wird und die etablierten Parteien in den Umfragen abstürzen. Genaugenommen ist dieser Nerv so dick wie eine Hauptstromleitung und wird immer wieder herangezogen, wenn es gegen die AfD geht: Es liegt an Moskau. An russischen Internetrobotern, die millionenfach Beiträge verbreiten und damit offenbar eine ganze Partei großschreiben. Die politische Wunschvorstellung bekommt durch eine plötzlich abstürzende blaue Kurve den Anschein einer wissenschaftlichen Erkenntnis.
Ausgangspunkt sind tatsächliche ukrainische Drohnenangriffe auf Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex. Zwischen dem 8. und 11. Oktober werden Anlagen in Sasowo, Kaluga und Wladimir getroffen. Der Konzern muss Standorte vollständig oder teilweise abschalten, zahlreiche digitale Dienste fallen aus. Die Angriffe verursachen erhebliche Schäden an der russischen Internetinfrastruktur. Aus diesem militärischen Erfolg entwickelt sich im Netz binnen weniger Stunden eine politische Siegesmeldung über die angeblich enttarnte russische Unterstützung der AfD.
Zu den eifrigen Verbreitern gehört Robin Schlingheider, grüner Kommunalpolitiker aus Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen. Er teilt die Grafik auf der Plattform Threads, wo sie mehr als 2.000 Gefällt-mir-Angaben erhält. Der tschechische Europaabgeordnete Zdechovský aus der konservativen EVP-Fraktion greift sie ebenfalls auf. Er versieht seine Veröffentlichung immerhin mit dem Vorbehalt, dass sich die Angaben erst bestätigen müssten. Für den anschließenden politischen Seitenhieb gegen die AfD reicht ihm die ungeprüfte Darstellung bereits.
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