An welchem Ende der Kettensäge wollen Sie stehen?

vor etwa 1 Jahr

An welchem Ende der Kettensäge wollen Sie stehen?
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William S. Burroughs Roman „Naked Lunch“ von 1959 landete vorübergehend auf dem Index der Stadt Los Angeles, der amerikanischen Post und des Bundesstaats Massachusetts; der Autor musste zwei Gerichtsverfahren anstrengen, um die Verkaufserlaubnis an der Ostküste durchzusetzen. In Deutschland könnte das Buch möglicherweise demnächst wieder auf einer Liste gesellschaftsgefährdender Schriften landen, und zwar nicht wegen des ausführlich geschilderten Drogen- und Sexkrams, sondern wegen einer außerordentlich luziden Beschreibung des rundum zupackenden Staates, der seine Bürger konsequent zu unterwürfigen Wesen abrichtet. Burroughs fiktionaler Staat heißt Annexia, der nicht durch konventionelle Brutalität herrscht, sondern durch ein Netz bürokratischer Vorschriften, das genaugenommen nur für die Normalexistenzen gilt, während der herrschende Apparat sich in der konkreten Anwendung und Ausführung der Gesetze Freiheiten nach Gutdünken genehmigt.

„Jeder Bürger von Annexia“, heißt es in „Naked Lunch“, „war gehalten, sich eine ganze Aktenmappe mit Ausweispapieren ausstellen zu lassen und diese jederzeit mit sich zu führen. Alle Bürger konnten jederzeit auf offener Straße angehalten werden; und der Kontrolleur, der in Zivil, häufig in einem Badeanzug oder Pyjama auftrat […], stempelte die Papiere ab, nachdem er jedes einzelne geprüft hatte. Bei der folgenden Prüfung musste jeder Bürger die ordnungsgemäß ausgeführten Stempel der vorangegangenen vorweisen. Wenn der Kontrolleur eine größere Gruppe kontrollierte, dann überprüfte und stempelte er nur die Papiere einiger weniger. Die übrigen würden bei der nächsten Prüfung verhaftet, weil ihre Papiere nicht ordnungsgemäß abgestempelt waren. Verhaftet bedeutete ‚zwischenzeitliche Verwahrung‘, das heißt, dass der Gefangene freigelassen würde, wenn und sobald eine vom Stellvertretenden Gutachter für Erklärungen korrekt unterschriebene und gestempelte eidesstattliche Erklärung vorgelegt wurde. Aber da dieser Beamte nur selten in sein Büro kam und die eidesstattliche Erklärung nur persönlich beantragt werden konnte, verbrachten die Antragsteller Wochen und Monate damit, in ungeheizten Büros zu warten, die weder über Stühle noch Toiletten verfügten […]. Die Bürger hetzten von einer Dienststelle zur anderen in dem verzweifelten Bemühen, Fristen zu wahren, die sie unmöglich einhalten konnten.“

Den Zweck dieses Prozederes nennt der Autor auch: „Nach ein paar Monaten einer solchen Behandlung kauerten die Bürger wie neurotische Katzen in den Ecken.“ Staaten wie Annexia entstehen nie über Nacht, sondern stufenweise. Es gibt niemals einen fertig ausgearbeiteten Plan für das Gebilde, sondern einen Grundgedanken, aus dem sich eigengesetzlich immer feinere und komplexere Regelungen ergeben. Dieser Grundgedanke lautet: Der Staat darf auf den Bürger in jeder Beziehung zugreifen. Umgekehrt muss sich der Staat nicht um irgendwelche Wünsche und Willensbekundungen der Bürger scheren. Spätestens hier verlässt dieser Text die fiktionale Zone. Denn die politische Kaste Deutschlands teilt diese zentrale Gesellschaftsidee mit den Lenkern von Annexia, auch wenn die Details nicht ganz dem Entwurf von Burroughs entsprechen. Wobei sich viele Unternehmer mit ihren Berichtspflichten, Antragsformularen und Meldefristen schon so fühlen, als würden sie in einer Vorstufe des Burrough’schen Drogentraums leben.

Zwei Grünenpolitiker wünschen sich neuerdings, dass der Zugriffsstaat demnächst fast alle Landesbewohner in den Blick nimmt, und zwar, wie sie betonen, aus Gerechtigkeitsgründen. Die bayerische Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze schlägt zusammen mit ihrem Parteikollegen Florian Siekmann eine allgemeine Dienstpflicht für alle Bürger zwischen 18 und 67 unter der bemerkenswerten Bezeichnung „Freiheitsdienst“ vor.

In der Wortschöpfung steckt noch ein gutes Stück mehr Haltung und Programm als in „zwischenzeitliche Verwahrung“ oder „Demokratieabgabe“. Abzuleisten wäre die obligatorische Tätigkeit von sechs Monaten bei der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk, dem Katastrophenschutz oder im sogenannten Gesellschaftsdienst bei gemeinnützigen Organisationen, wobei vorerst noch offenbleibt, ob es sich dabei um die staatsfinanzierten Vereine handelt, zu denen die Union kürzlich 551 inzwischen wieder vergessene Fragen stellte. Falls das zutrifft, dann bräuchten die Omas gegen Rechts und unter 67 nicht irgendwo einzurücken, auch Mitarbeiter von Correctiv könnten ihre gesellschaftlich wertvolle Tätigkeit pausenlos fortsetzen.

Laut Schulze und Siekmann dürften Jüngere ihr halbes Jahr auch in der Bundeswehr ableisten, ihre Idee steht also im Zusammenhang mit der plötzlich wiederentdeckten allgemeinen Wehrpflicht. Es sei aber „unfair“, so Siekmann, „alle Last nur auf den Schultern der Jungen abzuladen“. Gerechtigkeit wollen die Dioskuren also dadurch herstellen, dass der Staat in Zukunft von jedem bis zum Rentenalter ein Stück seiner Lebenszeit beschlagnahmt. Warum und zu welchem Zweck? Um die Gesellschaft resilienter zu machen, gegen wen oder was auch immer. „Der Freiheitsdienst“, erklärt Siekmann, „ist viel mehr als der alte Wehrdienst, er zielt auf eine Gesamtverteidigung mit gesellschaftlicher Widerstandskraft.“ Es kommt, wie sich gleich zeigen soll, weniger auf die praktische Ausführung als vielmehr die Idee an, die beide der Restbevölkerung vermitteln wollen: Zur Verfügungsmasse des Staates gehören nicht nur Einkommen, Erspartes und Vermögen seiner Insassen, sondern grundsätzlich auch seine Lebenszeit. Also eigentlich alles.

Aus mehreren Gründen kommt der allgemeine Freiheitsdienst aller Wahrscheinlichkeit nach doch nicht so schnell. Was praktisch bedeutet, dass der Block der Zusammenstehparteien vorher eher noch eine Freiheitsabgabe auf unbewegliches Gut und/oder die Zeichnung einer obligatorischen Freiwilligkeitsanleihe einführt. Jedenfalls kündigte Ursula von der Leyen schon einmal an: „Wir werden private Ersparnisse in dringend benötigte Investitionen verwandeln.“

Das nämlich lässt sich vergleichsweise leicht bewerkstelligen. Denn dem Freiheitsdienst steht zum einen die Kopplung an die Wiederbelebung der Wehrpflicht entgegen. Die wiederum gehört, wie jeder mit Praxisberührung weiß, zu den freischwebenden Blasen, wie sie der politisch-mediale Betrieb serienweise ausstößt. Soldaten und Offiziere der Bundeswehr erklären gern im privaten Gespräch und unter der Voraussetzung, sie nicht namentlich zu zitieren, warum Deutschland auf absehbare Zeit keine Wehrpflichttruppe bekommt: Das beginnt mit Schimmel in Kasernen, bröckelndem Putz, undichten Fenstern. Der Sanierungsstau in den Bundeswehr-Liegenschaften beläuft sich aktuell auf 60 Milliarden Euro. Es fehlt also schon an zumutbaren Unterkünften für die bestehende Truppe; für Rekruten einer Wehrpflichtarmee gäbe es nirgends auch nur ansatzweise Platz. Außerdem weder die Ausrüstung noch die nötigen Ausbilder. Zurzeit verliert die Bundeswehr mehr Personal, als sie anwirbt.

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