Der Geruch von Haltung am Morgen

vor etwa 9 Stunden

Der Geruch von Haltung am Morgen
Bildquelle: Tichys Einblick

Eine der berühmtesten Szenen aus Francis Ford Coppolas ‚Apocalypse Now‘ spielt am Morgen nach einem amerikanischen Angriff auf ein vietnamesisches Dorf. Hubschrauber haben die Küste unter Wagners „Walkürenritt“ zusammengeschossen, Napalm legt sich über die Landschaft. Zwischen Rauch, Feuer und Verwüstung steht Lieutenant Colonel Bill Kilgore, gespielt von Robert Duvall, scheinbar vollkommen unberührt von dem, was um ihn herum geschehen ist. Während andere Schutz suchen, richtet er sich auf und spricht über den Geruch des Napalms am Morgen.

Für Kilgore ist dieser Geruch mit einem Gefühl von Triumph verbunden. Der Krieg hat seine Wahrnehmung so gründlich verschoben, dass die Zerstörung selbst zum Rauschmittel geworden ist. Wo der Zuschauer verbrannte Erde sieht, riecht Kilgore den Sieg. Coppola verdichtet darin den Größenwahn eines Milieus, das sich in seiner eigenen Macht berauscht und den Unterschied zwischen tatsächlichem Erfolg und dem Gefühl des Erfolgs komplett verloren hat.

Dieses Milieu schreitet ebenso selbstgefällig wie Kilgore seine Haltungsmeilen ab. Es gefällt sich längst in der Rolle eines neuen Widerstands. Man inszeniert sich schamlos als Erbe der Weißen Rose und behandelt politische Gegner gleichzeitig wie Ungeziefer. Von „Ratten“ ist die Rede, von „Schädlingen“, von Menschen, die wieder in ihren „Löchern“ verschwinden oder zurückgetreten werden sollen. Parteien sollen verboten, Medien finanziell ausgetrocknet, Kanäle von Werbeeinnahmen abgeschnitten und abweichende Stimmen aus jedem öffentlichen Raum gedrängt werden.

Der eigene ausgeprägte Vernichtungswille wird dabei als hehrer Demokratieschutz verkauft, dem sich alles und jeder unterzuordnen hat. Wer sich hier nicht eingeladen fühlt, wer nicht mitmarschiert, wer auch kurz mal nachfragt, ob das alles so ganz richtig ist, ist der Feind. Je brutaler die Sprache und je radikaler die Forderung nach Ausschluss, desto größer der moralische Rausch. Man hält sich selbst für die letzte Bastion der Menschlichkeit und ist nicht einmal mehr in der Lage zu erkennen, wie hemmungslos man selbst Andersdenkende darunter entmenschlicht. In dieser Welt bedeutet das keinen Widerspruch.

Genau dort ist der Großteil des deutschen Kultur- und Aktivistenbetriebs im Kampf gegen die AfD angekommen. Seit Jahren folgt unmittelbar eine Aktion auf die nächste, jede begleitet vom Anspruch, diesmal ein besonders starkes Zeichen gesetzt zu haben. Ein regelrechter Staat im Staat, in weiten Teilen an der Titte des süßen Staatsgelds hängend, beschäftigt sich mit nichts anderem mehr als damit, Haltungsbotschaften abzusondern.

Währenddessen wächst die AfD unverdrossen immer weiter. In Sachsen-Anhalt liegt sie inzwischen in Umfragen bei deutlich mehr als 40 Prozent. Im Bund kratzt sie an der 30er-Marke. Das hält die Haltungsgemeinschaft nicht davon ab, ihre immer gleichen Rituale immer wieder aufzuführen. Immer wieder. Immer und immer wieder. So stellt man sich die Hölle vor.

Dazu kam Herbert Grönemeyer Ende August, wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, nach Magdeburg, um gemeinsam mit rund 350 Sängern aus neun Chören im Dom gegen rechts anzusingen. Die Veranstaltung sollte für Zusammenhalt stehen und fand zugleich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem ausdrücklich „geschützten Rahmen“ statt. Ein gesellschaftlich sehr weißes alt- und neulinkes Milieu versicherte sich dort seiner gegenseitigen Verbundenheit und Haltung, während ein beträchtlicher Teil jener Gesellschaft, die angeblich erreicht werden soll, draußen blieb.

Grönemeyer ist für diese Form der politischen Selbstberauschung Idealbesetzung. 2019 erklärte er vor 14.000 Zuschauern in Wien, wenn Politiker schwächelten, liege es „an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat“. Anschließend brüllte er sein „Keinen Millimeter nach rechts“ ins Mikro. Der damalige SPD-Außenminister Heiko Maas bedankte sich ausdrücklich. Im Februar 2026 entdeckte Grönemeyer die Tierwelt als politisches Vokabular. Bei einem Konzert in Dortmund sprach er von „rechten Ratten und rechten Rassisten“ und erklärte, die bürgerliche Gemeinschaft müsse zusammenstehen, bis sie wieder „in ihren Löchern verschwinden“. Zwei Strafanzeigen folgten. Die Staatsanwaltschaft Dortmund entschied nach Prüfung, kein Ermittlungsverfahren einzuleiten.

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