Warum Mr. Cash Money unser nächster Kanzler werden muss

vor 9 Monaten

Warum Mr. Cash Money unser nächster Kanzler werden muss
Bildquelle: Tichys Einblick

„Man frage nicht, was all die Zeit ich machte“, schrieb Karl Kraus 1914, um seinem Publikum eine längere Schreibpause zu begründen. Damals unter sehr viel ernsteren Umständen, als sie der Autor dieses Klagetextes erlebt. Dennoch bleibt er deshalb nicht stumm, sondern sagt, warum. Denn es handelt sich um immerhin nicht ganz unernste Vorgänge, die seine Arbeit seit Tagen sabotieren.

Der deutsche Staat beschäftigt 5,4 Millionen Menschen in seinen Diensten, davon 1,8 Millionen Beamte und Richter. Das heißt, er besetzt mit ihnen Ämter und Behörden und zahlt ihnen ein Gehalt aus Steuermitteln. Darüber hinaus beschäftigt er noch eine statistisch nirgends erfasste Zahl von Bürgern. Allerdings ohne Bezahlung. Er nimmt den Normalexistenzen also nicht nur laut Bund der Steuerzahler 52,9 Cent von jedem verdienten Euro, sondern auch noch einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit.

William S. Burroughs‘ „Naked Lunch“ spielt teilweise in einem Staat namens Annexia, in dem ein Dr. Benway im offiziellen, wenn auch geheim gehaltenen Auftrag die T. D. organisiert, die Totale Demoralisierung der Bevölkerung. Nicht mit Brutalität, die Benway als ineffektiv ablehnt, sondern durch Bürokratie. „Jeder Bürger von Annexia war gehalten, sich eine ganze Mappe von Ausweispapieren ausstellen zu lassen und diese jederzeit mit sich zu führen“, heißt es bei Burroughs.

Ständig verlieren Papiere ihre Gültigkeit, weil eine Frist ausläuft, nur ein Behördenstempel setzt sie wieder in Kraft. Den bekommt ein Bewohner von Annexia allerdings nur unter größten Mühen. „Dokumente wurden in Geheimtinte ausgestellt und verblassten zu alten Pfandscheinen. Ständig wurden neue Dokumente verlangt. Die Bürger hetzten von einer Dienststelle zur anderen in dem verzweifelten Bemühen, Fristen zu wahren, die sie unmöglich einhalten konnten.“

Mit dieser Methode auf Trab gehalten, kommen die Untertanen natürlich nicht dazu, sich gegen diesen Staat zusammenzuschließen. Mit seiner These, dass Papier, Stempel und Vorschriften sich als Herrschaftsmittel besser eignen als Gewalt, liegt Benway durchaus richtig.

Über bestimmte Dinge nicht in Annexia, sondern in Deutschland will man sich lieber nicht laut beschweren. Beispielsweise über die Aufforderung an einen kleinen Medienunternehmer und Autor, sämtliche Fahrt-, Bewirtungs- und Hotelrechnungen aus drei Jahren vorzulegen. In der Schweiz dürfen Selbstständige mit dem Fiskus eine Pauschale für jährlich wiederkehrende und plausible Kosten dieser Art vereinbaren.

Das erspart dem Steuerbürger die Anlage eines Archivs mit tausenden Zetteln, und dem Finanzamtsmitarbeiter, sich durch Berge von Restaurantrechnungen und Bahntickets zu wühlen. Eine Pflicht zur Mehrwertsteuerabrechnung setzt beim südlichen Nachbarn übrigens erst ab einem Jahresumsatz von 10 000 Franken ein. Wahrscheinlich wenden 80 Prozent der deutschen Selbstständigen für berufsbedingte Kosten nicht mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes auf. Dieser Pauschalsatz würde auch hier beiden Seiten sehr viel Arbeit und damit Zeit sparen.

Wer mehr als zehn Prozent geltend machen will, könnte einfach wieder in das Prinzip der Einzelbelege wechseln. In Deutschland ginge die Einführung des Pauschalsystems schon deshalb nicht, weil eine Bärbel Bas beziehungsweise bärbelbasähnliche Politiker vorher darauf hinweisen würden, dass eine Gerechtigkeitslücke aufklafft, wenn jemand nur neun Prozent seines Umsatzes für Büromaterial, Reisen und Ähnliches aufwendet, aber dann zehn Prozent Kosten absetzt.

Zwar schafft es die Schweiz trotz dieser Steuerlaxheit, mit einer Staatsquote von 31,6 Prozent eine bessere Infrastruktur als Deutschland mit seiner Staatsquote von gut 50 Prozent aufrechtzuerhalten, und sie kommt außerdem mit deutlich weniger Schulden aus. Aber diese Punkte wiegen nun mal nicht den Wert der Einzelbeleggerechtigkeit auf, wie sie in Basland herrscht. Für Deutschland gibt es eine Verfassung, die bei vielen im Bücherregal steht, und eine apokryphe, die wirklich gilt. Die Präambel für diesen eigentlichen Text lautet: „Die Staatsgewalt hat alles zu unterlassen, was das Leben ihrer Bürger erleichtern könnte oder auch nur von weitem nach praktischer Vernunft riecht.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der in Papieren wühlende Autor möchte sich keinesfalls beklagen. Klagen über das Finanzamt bringt bekanntlich Unglück in Form von noch mehr Papieranforderungen. Der einzelne Mitarbeiter kann nichts dafür. Vermutlich gibt es Vorschriften, in jeder Einkommensgruppe eine bestimmte Zahl von Prüfungen vorzunehmen, und wen es trifft, das bestimmt der Zufall.

Nicht ganz zufällig, sondern durch Mutwillen des Autors landete gleichzeitig noch eine andere Last auf seinem Rücken. Er möchte nämlich heiraten. Bei Profis liegen die nötigen Unterlagen womöglich griffbereit, aber nicht bei einem Menschen, der zum ersten Mal im Leben den Ehestand anstrebt. Dafür benötigt er einen Auszug aus dem Geburtsregister, zu besorgen in seiner Geburtsstadt Leipzig.

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