Wer in den unendlichen Weiten von Instagram oder TikTok unterwegs ist, stößt unweigerlich auf die Begriffe „Neurodiversität“ oder „Neurodivergenz“. Einige Personen schreiben sich das Adjektiv „neurodivergent“ sogar in ihre Bio, dort, wo andere Nutzer Pronomen wie „she/her“ oder „they/them“ platzieren.
„Neurodiversität“ ist ein Konzept, das dafür plädiert, Autismus, AD(H)S, Tourette-Syndrom oder Legasthenie nicht als Entwicklungsstörungen oder Krankheiten zu verstehen, sondern als natürliche Varianten menschlicher Neurologie. Anhänger dieser These vermitteln, dass Autismus, ADHS und Co. nicht „krank“, sondern „normal“ seien, weil jedes menschliche Gehirn anders sei. Sie weigern sich, die von ihnen als „neurologischen Besonderheiten“ genannten Erkrankungen als Störung zu bezeichnen.
Wieder andere Neurodiversitäts-Anhänger meinen, dass neurologische Erkrankungen wie etwa Autismus ein „Spektrum“ seien. Das bedeutet, dass sie eine große Bandbreite an Ausprägungen und Kombinationen haben können. Ausprägungen reichen von schweren Beeinträchtigungen bis zu vergleichsweise milden Formen. Das Problem dabei: Menschen, die etwa empfindlich, hypersensibel oder ängstlich sind, diagnostizieren sich selbst mit Erkrankungen wie Autismus oder denken, sie bräuchten Therapien.
Auf Instagram geben unzählige Coaches, Berater und Psychologen Information zum Thema Neurodiversität.
Die „Spektrum“-These existiert seit den 1980er-Jahren und wurde auch von Uta Frith geprägt, die als Pionierin der modernen Autismusforschung gilt. Doch gegenüber der britischen Tageszeitung The Times sagte sie Anfang März folgenden dramatischen Satz: „Ich glaube, das Spektrum-Konzept steht vor seinem Zusammenbruch.“ In der britischen Fachzeitschrift Tes Magazine kritisierte die Neurowissenschaftlerin die Neurodiversitäts-These: „Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“
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