Sie haben vermutlich in der Tagesschau, bei „Maybrit Illner“ und auf den Titelseiten von Stern und anderen Organen Berichte und Meinungen dazu gehört und gelesen, dass kürzlich in Essen Männer mit islamo-arabischem Hintergrund begeistert „Adolf Hitler, Adolf Hitler“ und „Allahu akbar“ skandierten, und zwar in Anwesenheit der Polizei, die erkennbar nichts unternahm, um den Sprechchor aufzulösen?
Und das, obwohl die Person im weißen Hemd etwa in der Mitte dazu mehrfach den Hitlergruß zeigte, und zwar wesentlich deutlicher und strammer als seinerzeit der angeschickerte Jugendliche in der Ponybar auf Sylt?
Sie verfolgen außerdem bestimmt die machtvollen bundesweiten Kundgebungen gegen antisemitische Graffitis in Berlin, die zu einem neuen Holocaust aufrufen?
Nein, das tun Sie natürlich nicht, weil es deswegen keine Medien- und Demonstrationswelle gibt. Warum nicht einmal den Text mit einer Scherzfrage beginnen, auch wenn es um ein todernstes Thema geht, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten Westen? Wer über den Antisemitismus zwischen New York und Berlin unter besonderer Berücksichtigung von Nordrhein-Westfalen schreibt, der kann das nur angemessen tun, wenn er auch das strategische Schweigen und Schmierestehen der wohlgesinnten Medien zum Thema macht.
Das Schmierestehen, also eine gewisse Mittäterschaft, bezieht sich nicht nur auf die Quantität judenfeindlicher Ausschreitungen im Vergleich zu der Zeit vor etwa zehn Jahren, sondern auch auf eine neue Qualität. Auch vor zehn oder fünfzehn Jahren erlebten Juden, die Kippa oder Davidstern trugen, Spuck- und Rempelattacken auf den Straßen von London, Paris und Berlin. Aber heute eben tödliche Messerangriffe in einem Viertel mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil. Früher abfällige Bemerkungen an der Universität. Heute Tritte ins Gesicht. Vor zehn, fünfzehn Jahren schickten jüdische Eltern ihre Kinder noch in staatliche französische Schulen. Im Jahr 2026 tut das niemand mehr in Frankreich, und kaum noch ein jemand in Berlin.
In einem Interview mit der Weltwoche sagte der inzwischen von der deutschen Hauptstadt nach Zürich übergesiedelte jüdische Journalist Philipp Peyman Engel, die Debatte, ob man noch den Davidstern in Berliner Straßen zeigen kann, sei mittlerweile abgeschlossen. So gut wie niemand versucht das heute noch, sofern er Wert auf heile Haut legt. Vielleicht handelte es sich bei dem Sechzigjährigen, der im Juni 2025 mit dem Symbol um den Hals und auf dem T-Shirt in Berlin durch den Park am Gleisdreieck spazierte, um den letzten, der meinte, es würde schon gut gehen. Ging es auch – weil dort zufällig auch drei Polizisten standen und mit gezogener Waffe verhinderten, dass ein Mann mit seinem bereits gezückten Messer auf den Juden einstach.
Sehr lange spulten Politiker den Satz „Antisemitismus hat bei uns keinen Platz“ ab – während sich Antisemiten längst jeden Platz nehmen konnten, den sie wollten. Die zweite Abwehrformel läuft darauf hinaus, den Judenhass mit dem Begriff Israelkritik zu verdecken, gelegentlich auch Israelhass. Der Hass auf den jüdischen Staat nimmt seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und der israelischen Antwort darauf beständig zu, vorangetrieben vom Islamogauchisme, der Allianz von judenfeindlichen Muslimen und links-postkolonialen Stoßtrupps aus Universitäten und Kulturbetrieb. Aber er macht nur einen Teil der antisemitischen Welle in Westeuropa aus. Gewalttätige Angriffe richten sich immer häufiger gegen Juden, die in diesen Ländern leben, und das ganz unabhängig von deren Haltung zu Israel, ob in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich.
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