Es ist Sonntagnachmittag und ich bin auf hundertachtzig. Seit einer halben Stunde versuchen mein Auto und ich, uns einen Weg durch die Kreuzberger Straßen zu bahnen. Eine Freundin, die nahe des Hermannplatzes wohnt, wartet schon mit Kaffee und Kuchen. Sie muss lange warten, denn das Gebiet zwischen Kottbusser Tor und Sonnenallee ist von zahlreichen Wannen verbarrikadiert. Schließlich parke ich ein paar Straßen entfernt und schreibe meiner Freundin, dass ich nun das letzte Stück laufen werde.
„Pass auf dich auf“, antwortet sie. Es ist der 6. Oktober. Und auf den Straßen Berlins feiern über 3.500 Menschen die brutale Ermordung von über 1.000 Israelis, die sich am Montag jährt. „Es begann lange vor dem 7. Oktober“, steht auf den an Stromkästen geklebten Plakaten, an denen ich mich nun vorbei winde. Der Demozug bleibt mir vorerst erspart, nur von Weitem höre ich das brodelnde Dröhnen der Demonstranten.
Mein Kiefer verhärtet sich, mit schnellem Schritt mache ich mich auf zur Wohnung meiner Freundin. Dort angekommen, muss ich feststellen, dass die schönen Altbau-Fenster nicht dazu in der Lage sind, den immer schneller pulsierenden Lärm abzuschirmen. „Free, free Palestine“ höre ich zahlreiche Stimmen schreien. Und dann: „Stop the genocide“. Plötzlich schallen laute Knallgeräusche durch die Straße. „Das könnten auch Schüsse sein“, sagt meine Freundin. „Das glaube ich nicht“, entgegne ich ihr, „das klingt nicht maschinell – wohl eher Feuerwerk“. Frauengespräche beim Kaffeekränzchen in Berlin.
Stunden vergehen, und irgendwann frage ich mich, ob ich wieder auf die Straße gehen kann, zurück zu meinem Auto, zurück nach Hause. Im Internet verkündet die Polizei, dass die Demonstration frühzeitig aufgelöst worden sei. Doch als ich ein paar Minuten später den Kottbusser Damm überquere, stehen dort immer noch zahlreiche Polizisten in konzentrierter Alarmbereitschaft. Die Demonstranten seien zurück zum Kottbusser Tor gelaufen, erklärt mir ein junger Beamter in Vollmontur. Es sei unklar, wann sie die Straßen wieder freigeben können.
AfD-Parteitag in Erfurt - Tag 1 u.a. mit Wahl zum Parteivorsitz | 04.07.26











