Die Gewalt in deutschen Regionalzügen hat einen Punkt erreicht, an dem die Deutsche Bahn ihre Beschäftigten mit stichsicheren Westen ausstatten will. Was für ein Hohn. Im ersten Halbjahr 2026 registrierte DB Regio 989 Übergriffe auf Mitarbeiter. 781 davon wurden als einfache Körperverletzung erfasst, weitere 22 als schwere Körperverletzung. In 185 Fällen blieb es beim Versuch. Hinter diesen Zahlen stehen Zugbegleiter, die bei Fahrkartenkontrollen bespuckt, geschubst oder zusammengeschlagen werden. Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von DB Regio, spricht inzwischen von statistisch acht angegriffenen Kollegen pro Tag. Die Beschäftigten wüssten vor ihrer Schicht nicht mehr, ob sie gesund oder überhaupt nochmal nach Hause kämen.
Am 2. Februar wurde aus dieser Gefahr tödlicher Ernst. Der Zugbegleiter Serkan Çalar wurde während einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalexpress brutal angegriffen und erlag später seinen Verletzungen. Der Täter wurde inzwischen wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach Çalars Tod folgte ein Sicherheitsgipfel, die Politik kündigte Konsequenzen an. Bahnmitarbeiter sollten in einen Gesetzentwurf einbezogen werden, der härtere Strafen für Angriffe auf besonders gefährdete Berufsgruppen vorsieht. Sechs Monate später befindet sich die Regelung nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums noch immer in der regierungsinternen Abstimmung.
Derweil produziert die Realität jeden Tag immer weitere Opfer. Die Zahl der bei DB Regio erfassten Übergriffe ist massiv gestiegen. Die Bahn reagiert inzwischen mit Bodycams und Schutzkleidung. Als ob die im Fall der Fälle helfen. Kontrollen sollen künftig teilweise mit sechs bis acht Beschäftigten durchgeführt werden. Für mobile Unterstützungsgruppen sind Helme vorgesehen. Ab Oktober sollen Bodycams in einem Pilotprojekt zusätzlich Ton aufnehmen. Ein Rechtsstaat, der seine Zugbegleiter für eine Fahrkartenkontrolle mit Stichschutzwesten ausrüsten muss, hat so ein ausgewachsenes immenses Problem, das man auch hier klar von einem Kontrollverlust sprechen kann.
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