Jason Arday hätte einen Therapeuten gebraucht. Stattdessen erhielt er einen Doktortitel, den er nicht verdiente, die schmeichelnde Aufmerksamkeit von Medien, die ihm keine Fragen zu seiner fantastischen Lebensgeschichte stellten, und 2023 eine Professur in Cambridge, die er nie mit einem wissenschaftlichen Inhalt füllte und auch nicht füllen konnte. Das wiederum konnten die Verantwortlichen dort schon seit dem Jahr der Bestellung Ardays zum Professor wissen, vielmehr, sie wussten darüber Bescheid, denn schon vor drei Jahren spürte David Harris, emeritierter Professor der Plymouth Marjon University in Devon, reihenweise Plagiate in Ardays Texten auf. Harris informierte in mehreren Schreiben sowohl die Liverpool John Moores University, wo Arday promovierte, als auch Cambridge, seinen neuen Arbeitgeber.
In den Fachzeitschriften, die Ardays plagiatsdurchsetzten Texte publizierten, reagierte man sogar auf Harris‘ Nachweise: Die Redaktion trug einfach die Quellenangaben zu den per Copy & Paste übernommenen Stellen nach, behauptete aber, die nicht gekennzeichneten Übernahmen würden die wissenschaftliche Qualität der Beiträge nicht im Geringsten schmälern. Journalisten der Times Higher Education befassten sich 2024 mit der Qualität von Ardays Arbeiten; einer ihrer Autoren, der Biochemiker David Sanders von der Purdue University in Indiana, nahm sich ebenfalls Ardays Texte vor und kam zu dem Urteil: „Es steht außer Frage, dass hier extensive Plagiate vorliegen.“
Als der Philosoph Nathan Cofnas per Textvergleich dutzende Stellen in Ardays Doktorarbeit von 2015 nachwies, oft nahezu wortwörtlich abgeschrieben aus der sechs Jahre älteren Promotion der Erziehungswissenschaftlerin Paula Zwozdiak-Myers, existierten schon längst massenhaft andere Belege dafür, dass es sich bei dem neuen Cambridge-Star um eine Person handelte, die im seriösen Wissenschaftsbetrieb nichts verloren hatte. Zwei von mehreren Dutzend Fundstellen zeigen entweder leicht bearbeitete ungekennzeichnete Übernahmen – oder wortwörtliche Kopien.
Beispiele für Plagiate, zusammengetragen von Nathan Cofnas. Quelle: https://ncofnas.com/p/dei-fraud-and-cover-up-at-cambridge
Jemand aus der Leitung von Cambridge hätte ihm spätestens zu diesem Zeitpunkt in Ardays eigenem Interesse freundlich, aber auch mit Nachdruck raten müssen, sich auf einem anderen Gebiet zu versuchen. Bekanntlich geschah das Gegenteil: Zur Einschüchterung von Times Higher Education engagierte Arday die auf Verleumdungsklagen spezialisierte Großkanzlei Carter-Ruck; das Blatt verzichtete nach einem entsprechenden Anwaltsschreiben auf die Publikation seiner Recherche.
Kurz vor seinem Abschied von Cambridge hielt der Noch-Professor eine Rede vor Anhängern, die der Guardian wiedergab: Darin sprach er von einem „Playbook“, nach dem „konservative Aktivisten“ systematisch gegen schwarze Akademiker vorgehen würden. Als einzigen Namen nannte er die frühere Harvard-Präsidentin Claudine Gay, die von ihrem Posten (nicht aber von ihrer Professur) aus zwei Gründen zurücktrat: Erstens, weil sie bei einer Anhörung vor dem Kongress 2023 auf die Frage, ob es mit den Hausregeln der Universität vereinbar wäre, wenn Studenten die Auslöschung Israels fordern würden, also die Vollendung des Holocausts, mit dem Satz antwortete: „Das kommt auf den Kontext an.“ Mehrere Großspender zogen anschließend ihre Zusagen zurück oder kündigten an, nichts mehr zu geben; der kurze Satz von Gay kostete Harvard einen siebenstelligen Betrag. Zum Zweiten stellte sich etwa zur gleichen Zeit heraus, dass es in Gays Arbeiten, die in ihrer gesamten Karriere als Politikwissenschaftlerin gerade mal ein dünnes Buch publizierte, nur so vor Plagiaten wimmelte. Die rechten Verschwörer, so Arday laut The Guardian, „haben sich durch die Arbeit von schwarzen Akademikern gewühlt, um irgendetwas zu finden, das sie gegen sie verwenden können: Inkonsistenzen, Zitatfehler, Passagen in ihrer Arbeit, die schon existierenden Veröffentlichungen ähnelten.“ Zu Gay hob er hervor, sie sei die „erste schwarze Frau“ an der Spitze von Harvard gewesen. Das stimmt ausnahmsweise.
PUTINS KRIEG: Russland greift heftig an! Ukraine evakuiert Cherson! Bewohner sollen fliehen I LIVE














