Seit dem 24. Februar 2022 tobt Krieg in Europa. Die Erinnerung an die Vorgeschichte des I. Weltkrieges führt die Dysfunktionalität der europäischen Eliten, der „Europäer“, wie sie sich inzwischen selbstverliebt nennen, in aller Drastik vor Augen. Besonders der Verlauf der Juli-Krise 1914 deckt die Arroganz, die Unfähigkeit und den Dilettantismus der damaligen „Europäer“ auf. Die „Europäer“ dilettierten damals solange vollmundig, bis in Europa „die Lichter ausgehen“, wie der britische Außenminister Edward Gray bemerkte. Am 19. Juli 1914, 21 Tage nach dem Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand und auf seine Frau in Sarajewo beschloss der Ministerrat von Österreich-Ungarn die diplomatische Note an Serbien. In der Note wurde nicht mit Annexion gedroht. Österreich-Ungarn forderte:
Die russische, die französische und die deutsche Regierung erhielten um die gleiche Zeit Abschriften der Note. Erst am 24. Juli traf sich Nikola Pašić endlich mit seinen Ministern. Belgrad galt damals als tiefste diplomatische Provinz. Ausgerechnet hier braute sich ein Konflikt mit gesamteuropäischer Dimension zusammen. Abstimmung mit den Großmächten war also dringend geboten. Und die „Europäer“?
Der britische Gesandte in Belgrad lag danieder, der russische war gerade verstorben, ohne dass es bereits einen Nachfolger gab, und der Nachfolger des französischen Gesandten, der gerade eingetroffen war, befand sich im Zustand eines veritablen Nervenzusammenbruchs. Der britische Außenminister Grey empfahl den Serben, möglichst viele Punkte der österreichisch-ungarischen Note anzunehmen.
Am Nachmittag des 24. Juli bestellte der britische Außenminister den österreichisch-ungarischen und den deutschen Botschafter ein, bat um Fristverlängerung und schlug vor, dass Deutschland, Frankreich und Italien in dem Konflikt vermitteln sollten. Niemand war bei allem Säbelrasseln an einer europäischen Krise, geschweige denn an einem europäischen Krieg interessiert, schon gar nicht wegen Serbien, einem rückständigen christlich-orthodoxen Zwergkönigreich auf dem Balkan.
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