Das Bürgergeld ist offiziell Geschichte, seit Juli nennt sich das Ungetüm Grundsicherung. Friedrich Merz und die Union hatten im Wahlkampf einen Systemwechsel versprochen und milliardenschwere Einsparungen in Aussicht gestellt. Geblieben ist nach Recherchen der ZDF-Journalistin Sarah Tackes ein komplett dysfunktionaler Sozialapparatmoloch, der immer groteskere Summen umverteilt und bei der Durchsetzung und Kontrolle seiner eigenen Regeln regelmäßig kapituliert.
Was Sarah Tacke nun abermals über den deutschen Sozialstaat berichtet, ist politischer Sprengstoff. Erneut. Im Podcast von Paul Ronzheimer berichtet sie mit bemerkenswerter Nüchternheit, was sie bei ihren Recherchen in deutschen Jobcentern erlebt hat. Ronzheimer führt das Gespräch in seinem gewohnt ruhigen Ton. Es gibt keinen knalligen Thumbnail, der einem auf YouTube entgegenbrüllt; der aber zuverlässig funktioniert, wenn man hochbrisante, explosive Enthüllungen in die Breite bringen will. Ronzheimer ist dieser Ton trotz seiner Position bei Bild bei seinem eigenen Produkt offenbar selbst etwas zuwider. Es geht ruhiger zu. Einerseits ist das gut. Nur leider funktioniert die Nachrichtenwelt bei brisanteren Themen weniger gut, wenn man echten Sprengstoff im gleichen Gang wie Backzutaten fährt. So ist es leider auch hier. Genau dadurch droht die ungeheure Tragweite von Tackes neuen Aussagen streckenweise unterzugehen. Eine Auskopplung hat es in die Schlagzeilen geschafft, der weitere ebenso brisante Teil verbleibt unbeackert im sachlichen Gespräch.
Absolut zu Unrecht. Das sollte jeder hören, der wissen will, was aus einem Sozialstaat geworden ist, der Jahr für Jahr immer höhere zweistellige Milliardenbeträge umverteilt und nicht einmal mehr verlässlich kontrollieren kann, ob seine eigenen Voraussetzungen für diese Zahlungen überhaupt erfüllt werden. Genau genommen kann man nicht anders als zu konstatieren, dass dieses System nun entweder sehenden CDU-und-SPD-Auges auf den Kollaps zugeführt wird – oder aber komplett rasiert werden muss.
Die Vorgeschichte begann bereits im Mai. Tackes ZDF-Dokumentation „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ war ab dem 13. Mai 2026 im ZDF abrufbar und lief am 14. Mai im Fernsehen. Schon die Ankündigung des Senders sprach von „Jobcenter ohne Durchgriff“. Für das Bürgergeld waren im Bundeshaushalt 2026 rund 51 Milliarden Euro vorgesehen.
Was Tacke damals herausfand, beherrschte bundesweit die Schlagzeilen und beschäftigte die Öffentlichkeit noch Monate später. Sie traf einen Bürgergeldempfänger, der zugleich erheblich schwarz verdiente, ohne dass dies überhaupt jemandem aufgefallen wäre. Ein anderer Mann erklärte vor der Kamera, er nehme den Staat seit 40 Jahren aus, obwohl er arbeiten könne. Mitarbeiter aus Jobcentern beschrieben einen Apparat, in dem direkte Arbeitsvermittlung nur noch eine erstaunlich untergeordnete Rolle spielt.
Was genau macht das Heer von knapp 40.000 Vollzeitkräften, die die Bundesagentur Ende 2025 für die Grundsicherung ausweist, zuzüglich Tausender kommunaler Beschäftigter in den Jobcentern eigentlich genau? Wenn Sanktionen am Aufwand scheitern und kaum noch direkt in Arbeit vermittelt wird, gehört der gesamte Apparat umgehend, nicht gestern, sondern wirklich UMGEHEND auf den Prüfstand. Vielleicht ließe sich ein Teil davon nach entsprechender Qualifizierung dort sinnvoller einsetzen, wo Deutschland tatsächlich jede Hand braucht – zum Beispiel in der Altenpflege und dann müsste man auch nicht wieder 300.000 Menschen aus den muslimisch geprägten dritte Weltländern holen, die sich ohnehin nicht dafür hergeben wollen.
Zum Gesicht der Recherche von Tacke wurde damals der langjährige Bremer Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken. Er arbeitete nach eigenen Angaben seit 2005 im Jobcenter und seit 2001 im öffentlichen Dienst. Göcken schilderte aus seiner Berufserfahrung ein System, in dem „Geldausgeben“ von vielen als zentrale Aufgabe verstanden werde. Seine Schätzung lautete, 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbezieher machten falsche Angaben und wollten im System bleiben. Belastbare amtliche Zahlen dafür gibt es nicht; Göcken bezeichnete dies ausdrücklich als seine Einschätzung aus Erfahrung und Gesprächen mit Kollegen.
Die Reaktion des Staates auf diesen Insider verdient ihren ganz eigenen Platz in der Geschichte: Bremen kündigte Göcken nach der Ausstrahlung fristlos. Im Kündigungsschreiben wurde ihm unter anderem vorgeworfen, das Jobcenter diffamiert zu haben; auch der Fernsehauftritt sei nicht genehmigt gewesen. Göcken befand sich bereits zuvor in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber. Er kündigte an, gegen die Entlassung juristisch vorgehen zu wollen.
Haushalt 2027: Statements der Fraktionsspitzen von SPD, CDU/CSU und Linke | 07.09.26









