Friedrich Nietzsche, im heutigen Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt geboren, drohte in der 1882 erschienenen „Fröhlichen Wissenschaft“: „Wie, wenn dir eines Tages oder Nacht, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: ‚Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein … Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!‘“ Stäubchen vom Staube: Hat man den Zerfall der DDR erlebt, die Verstaubung, das langsame Nachgeben morscher Dielen des Systems, sodass man sich fragt, wann sie brechen, das Regnen durchs Dach, das Zusammenfallen des Hauses, weil die Werterhaltung vernachlässigt wurde, so beschleicht einen heute zum Ende des Jahres 2025 von Tag zu Tag stärker das Gefühl, dass die Drohung Friedrich Nietzsches sich an den Ost- deutschen erfüllt.
Bonjour Tristesse: Unter Ostdeutschen taucht in letzter Zeit immer öfter die Frage auf, ob man sich in der Bundesrepublik nach DDR-Zeitrechnung im Jahr 1988 oder doch schon im Jahr 1989 befindet? Tippt man auf das Jahr 1989, dann folgt auf dem Fuß die Frage, ob im Frühjahr, ob im Sommer oder im Herbst 1989? Natürlich, die ewige Wiederkehr des Gleichen findet stets als Wiederkehr des etwas Anderen statt, dennoch kennt man all die Gefühle, den Zorn, die Resignation, die Melancholie, erinnert sich an das Kopfschütteln, an den Wunsch nach Änderung, nach Aufwachen, weil einem alles als ein nicht enden wollender Albtraum erscheint. Kängurus im Kreisverkehr, schrieb ich 1989. Oder war es doch 1988? In den Iden des Merz ist der Herbst der Reformen kein goldener, sondern ein Herbst Ende November: grau, neblig, kalt, abgelebt. Wie die Natur stirbt das System ab, und man fühlt sich an Dantes „Göttliche Komödie“ erinnert, wo am Eingang des Infernos steht: „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ – „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Besser wird’s mit dem Maulhelden aus dem Sauerland nicht kommen.
Als der verbeamtete Lehrer und AfD-Landtagsabgeordnete Joachim Paul, der bei der Wahl im September – sehr aussichtsreich – für das Amt des Oberbürgermeisters von Ludwigshafen kandidieren wollte, im August 2025 vom Wahlausschuss aufgrund „Zweifeln an der Verfassungstreue“ nicht als Kandidat zugelassen wurde, erinnerte dieser willkürliche Umgang viele Ostdeutsche an den Umgang der DDR-Obrigkeit mit der Kommunalwahl im Mai 1989.
Damals begann die Friedliche Revolution: Zum ersten Mal fragten Bürger nach, dokumentierten Verstöße. Dabei hatte die Stasi alles gut „abgesichert“, denn, so hieß es in internen Papieren: Es sei zu sichern, „daß die Wahlen nicht am Wahltag durch Vorkommnisse beeinträchtigt werden“. Und: „Wir als Mitarbeiter des MfS müssen aber auch erkennen, daß die Wirkungen der PiD [politisch-ideologische Diversion] und anderer feindlicher Angriffe des Gegners nicht ohne Folgen bleiben.“ Wie hatten doch die rot-grünen Informanten des „Netzwerks gegen Joachim Paul“ im Vorfeld der Wahl im besten SED-Jargon an die Oberbürgermeisterin geschrieben: „Lassen Sie nicht zu, dass Ludwigshafen die erste Stadt Westdeutschlands wird, die einen AfD-Oberbürgermeister und Rechtsextremist ertragen muss. Eine Demokratie darf sich nicht hilflos dem Faschismus ergeben.“ Auch dies erinnert an das interne Stasi-Papier, wo es hieß, dass „auch an die Operative Information gedacht werden müsse“. Die Wahlen hätten so zu verlaufen, „wie wir das wollen“, und es hätten nur die gewählt zu werden, „die unsere Linie vertreten“.
Allerdings funktioniert die Demokratie in der Bundesrepublik noch. An solchen „Wahlen“ wollen die Bürger nicht teilnehmen. Am ersten Wahlgang beteiligten sich folgerichtig nur 29,3 Prozent der 118 000 Wahlberechtigten, an der Stichwahl noch nicht einmal ein Fünftel. 5,5 Prozent machten ihren Wahlzettel ungültig – zum Teil, indem sie den Namen des nicht zugelassenen Kandidaten auf die Abstimmungsunterlage schrieben. Klaus Blettner, der Kandidat der CDU, dessen Partei sich an dem Manöver in Ludwigshafen beteiligt hatte und dessen Nutznießer er nun ist, wurde also von 13,4 Prozent der Wahlberechtigten zum neuen OB gewählt.
Im Juni 1989 hieß es in einer anderen internen Information des mittlerweile beunruhigten Ministeriums für Staatssicherheit: „Auf der Grundlage von am Wahltag im Ergebnis durchgeführter sogenannter flächendeckender ‚Kontrollen‘ der Wahlhandlung und der Stimmenauszählung in einer erheblichen Anzahl von Wahllokalen getroffenen ‚Feststellungen‘ versuchen insbesondere innere Feinde ‚nachzuweisen‘, dass in der gesamten DDR Wahlmanipulationen vorgenommen, zumindest aber in ausgewählten Wahlbezirken die Wahlergebnisse gefälscht wurden.“
Parteipressekonferenzen von Die Linke, CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen











