Wie man es auch mit Neujahrsvorsätzen hält, einen äußerst dringenden möchte ich für unser Land gerne vorschlagen: Wir brauchen deutlich mehr Meinungsvielfalt in der Expertenlandschaft. Mehr noch, es braucht eine regelrechte Aufarbeitung der letzten Jahre, vor allem dort, wo wir von Militärexperten sprechen, von vermeintlichen Kennern der Sicherheitspolitik; insbesondere in den öffentlich-rechtlichen, aber auch privaten Leitmedien der letzten Jahre. So, wie es ist, kann es ganz einfach nicht bleiben.
Wer sich einmal nüchtern in der deutschen Medienlandschaft umschaut, der muss zur Kenntnis nehmen, dass wir in einem Land leben, das sich praktisch aus Versehen fortwährend selbst verwirrt und am laufenden Band ein bisschen desinformiert. Insbesondere das brave Bürgertum hängt den öffentlichen Formaten, aber auch manchen groß- und kleinbürgerlichen Redaktionen kritiklos an den Lippen. So entsteht schnell ein regelrechtes Paralleluniversum, in dem man dann auch leben muss, um das Politik- und Politikeraufgebot gut zu finden. Ereignen sich da draußen in der echten Welt dann Dinge, die nicht in’s Schema passen, bleiben nur Verleugnen oder ein böses Erwachen. Jedes einzelne Mal. Maßgeblich für diese Scheinwelt ist und bleibt die Einladungs- und Zitierpolitik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Dass der Öffentlich-Rechtliche eine inhaltliche Schieflage aufweist, ist längst in unzähligen Untersuchungen und Studien erwiesen. Womöglich liegt es daran, dass die Geopolitik zu meinen Steckenpferden zählt, doch in keinem anderen Bereich fällt diese unsägliche Schlagseite so vehement auf, wie bei Themen, die beispielsweise die Bundeswehr oder die Ukraine-Politik betreffen. Die ideologische Verzerrung des Diskurses ist eine Sache. Doch viel besorgniserregender ist der Umstand, dass die Star- und Dauergäste der Talkshows, Sachverständigen von parlamentarischen Anhörungen und Urheber von Gastbeiträgen häufig entsetzlich falsch liegen. Seltsamerweise findet mit dieser Tatsache so gut wie keine, jedenfalls keine hinreichende Auseinandersetzung statt, sodass ein gewaltiger Teil der Bürger auch in Zukunft nie das ganze Bild kennen wird.
Wer ernsthaft für einen offenen Diskurs und Meinungsvielfalt eintritt, der sollte nicht für sich in Anspruch nehmen, selbst immer richtig zu liegen. Analysen und Einschätzungen können und werden zwangsläufig auch einmal daneben liegen, das gilt für meine eigene Lernkurve ebenso wie für die geschätzter Kollegen. Es ist daher schon allein aus intellektuellen Gründen interessant, die Ansichten von Carlo Masala, Claudia Major, Marcus Keupp, Sönke Neitzel und vielen anderen kennenzulernen. Es spricht ebenfalls nichts dagegen, sich die Standpunkte von Anton Hofreiter, Norbert Röttgen, Roderich Kiesewetter oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann anzuhören. Kompliziert wird es, wenn dieses Angebot zu einer alternativlosen Dauerbeschallung mutiert. In aller Klarheit: Hier geht es nicht um Rechthaberei. Es geht darum, dass Fehl- und Teilinformation ein völlig falsches Bild der geopolitischen Realität schafft, auf das konsequent eine eklatant fehlgeleitete Politik folgt, die unvermeidlich scheitern wird. Nicht einfach, weil das zugrundeliegende Lagebild falsch wäre, sondern primär, weil es gefährlich unvollständig ist.
FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann
Die Qualität eines Wissenschaftlers lässt sich gewiss nicht ausschließlich an der Treffsicherheit seiner Prognosen festmachen. Der Globus ist kein Rummel, auf dem Lehrstuhlinhaber in bunten Zelten die Karten legen, auch, wenn Medien diesen Popanz gerne aufbauen. Dr. Marcus Keupp ist so ein Wissenschaftler, dessen Ansatz – die Militärökonomie – grundsätzlich ein interessantes Feld ist, da es richtigerweise die Bedeutung der industriellen Basis für die Kriegsführung einbezieht. Ich schätze diesen Blickwinkel auch für meine eigenen Analysen, doch darf man darüber nicht vergessen, dass Keupp im Ergebnis ständig daneben liegt. Zu seinen größten Fehlleistungen zählt die im April 2023 kolportierte Überzeugung, dass Russland im Oktober desselben Jahres die Panzer ausgingen. Gleichzeitig entstand auf westlicher Seite ein blinder Fleck bei der eigenen industriellen Leistungsfähigkeit. Inzwischen liegt ebendiese in ein oder zwei Domänen selbst in den USA hinter der russischen oder chinesischen Kapazität. Fand sich denn wirklich kein weiterer Experte, den man in ausgewogener Weise neben Dr. Keupp hätte stellen können?
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