2025 war ein Jahr großer Erwartungen – und wachsender Ernüchterung. Nach Wahlkampf, Regierungswechsel und milliardenschweren Sondervermögen hätte sich die wirtschaftliche Lage spürbar verbessern sollen, doch der Aufschwung blieb bisher aus. Im Interview analysiert der Ökonom Emanuel Böminghaus die Lage der deutschen Industrie und beschreibt detailliert, warum insbesondere Chemie, Stahl, Automotive und Maschinenbau im nächsten Jahr vor existenziellen Entscheidungen stehen und strukturelle Probleme 2026 wahrscheinlich noch immer ungelöst bleiben. Der Wirtschaftsexperte für Digitalisierung und KI, Andreas Moring blickt darüber hinaus auf die Digitalisierung, künstliche Intelligenz und die Chancen für die digitale Branche im kommenden Jahr.
NIUS: Herr Böminghaus, welches Fazit würden Sie unter diesem fulminanten Jahr ziehen?
Emanuel Böminghaus: Das Fazit ist leider sehr schlecht, weil wir aus dem Jahr noch schlechter herausgegangen sind, als es in meinen schlimmsten Träumen erwartet wurde. Ich war der Meinung, dass wir die Ampel endlich loswerden. Und das ist ja tatsächlich so passiert. Und dann mit der Neuwahl kommt ein Herr Merz, und der hat verstanden, dass wir bei der wirtschaftlichen Lage nicht am Abgrund, aber auf dem Weg zum Abgrund sind und dass dann deswegen auch vieles passieren wird.
Ich war auch der Meinung, sie werden in den ersten hundert Tagen eine Reform nach der anderen bringen, auch ein paar sehr schmerzhafte Wirtschaftsreformen. Aber es ist das passiert, was ich eigentlich erwartet habe: dass bisher gar nichts passiert. Man wuschelt sich durch.
Das ist nicht nur ein verlorenes Jahr, sondern eines, was sich für die deutsche Wirtschaft historisch gesehen noch als Desaster erweisen wird.
Wenn also in zehn Jahren jemand zurückblickt und fragt, wie das damals in der Krise war, dann wird man sagen: Die haben 2025 nichts gemacht. Obwohl sie wussten, dass alles lichterloh brennt, ist nicht viel passiert. Und da war viel Hoffnung von der Wirtschaft da. Zur Jahreswende ist davon nicht viel übrig geblieben.
Von diesem Duo erhoffte man sich vor allem in der Wirtschaft Veränderungen: Bisher stellt sich allerdings vor allem Enttäuschung ein.
Ich zitiere den Vorsitzenden der deutschen Industrie, der sagt: Es ist Wut. Die Unternehmer sind wütend. Sie können nicht fassen, dass man mit Blick auf die Wirtschaftsdaten, die ja auch noch einmal aktualisiert worden sind, so agiert. Wenn wir ins nächste Jahr schauen: Die Bundesbank sagt 0,6 Wachstum. Vor anderthalb oder zwei Jahren haben die Wirtschaftsinstitute gesagt: ohne Schuldenpaket 1,6 bis 2 Prozent Wachstum. Jetzt haben wir ein Wahnsinns-Schuldenpaket und erreichen 0,6 laut Bundesbank. Und da wir das kennen, dass es am Anfang immer sehr hoch angesagt wird und dann weiter heruntergeht, müssen wir befürchten, dass wir trotz Schulden ins Negative laufen. Die Bundesbank hat parallel gemeldet: acht Prozent Neuverschuldung. Das ist Frankreich. Wir sind jetzt Frankreich.
NIUS: Aber warum beschweren sich denn alle? Normalerweise hätte doch das riesige Investitionspaket dafür sorgen müssen, dass unsere Wirtschaft wieder in Gang kommt.
Böminghaus: Das Investitionspaket geht hauptsächlich in den Staatsverbrauch. Man versucht dort Investitionen abzudecken, die sowieso schon geplant waren. Viel geht in die Kriegswirtschaft. Davon geht aber auch viel wieder ins Ausland. Wir bauen den Raptor nicht selbst, der wird in Amerika gebaut. Wenn wir den bestellen, haben wir davon nichts.
Wir können diese Riesensummen gar nicht auf die Straße bringen, weil wir diese Kriegswirtschaft nicht haben. Wir haben Rheinmetall, aber die können nicht von heute auf morgen 100 Milliarden mehr Umsatz machen. Am Ende bleibt nicht viel übrig, und das löst das Problem nicht.
Was wir derzeit versuchen, ist: Die Spülmaschine ist kaputt, und wir kaufen eine Kaffeemaschine. Wir haben Probleme in der Chemie, im Maschinenbau, im Automotive und in angrenzenden Branchen. Das hat mit dem Sondervermögen wenig zu tun, weil wir in diesem Bereich nicht mehr wettbewerbsfähig sind.
NIUS: Sie haben jetzt schon die großen Sorgenkindbranchen angesprochen. Was glauben Sie, wer wird es im nächsten Jahr am schwersten haben?
Böminghaus: Das kann ich ganz klar sagen. Ich habe mit einem Chemie-Insider gesprochen, der mir geschrieben hat. Der arbeitet für einen hochspezialisierten Dienstleister und geht in Chemieparks ein und aus. Er hat mir erklärt, wie diese Chemieparks funktionieren. Das sind Anlagen, die teilweise über hundert Jahre alt sind, historisch gewachsen und in denen viele verschiedene Unternehmen angesiedelt sind, die voneinander abhängen.
In diesen Chemieparks gibt es gemeinsame Infrastruktur, Kraftwerke, Rohrsysteme, Dampfversorgung, Wasser – alles ist miteinander verbunden. Diese unterschiedlichen Firmen produzieren Chemikalien, die aufeinander aufbauen und weiterverarbeitet werden.
Die BASF-Werke in Ludwigshafen. Böminghaus rechnet für die Chemie-Branche mit schweren Zeiten.
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