Wenn Friedrich Merz kritisiert wird, reagiert er selten gelassen. Etablierte Medien von ZEIT bis taz, von ZDF bis Welt und viele, viele mehr zeichnen über die Jahre ein sich inzwischen verfestigendes, bemerkenswert einheitliches Bild: Merz ist sehr schnell beleidigt und gekränkt, überaus nachtragend – und setzt dann gerne die große Keule an, sei es mit Strafanzeigen, abgesagten Terminen oder demonstrativen Distanzierungen.
DIE ZEIT beschreibt den CDU-Chef als Politiker, der „schnell beleidigt, nachtragend“ sei – und zwar nicht aus der Perspektive seiner Gegner, sondern als Diagnose aus dem eigenen bürgerlichen Milieu. Die taz formuliert ähnlich scharf, es gehöre zu den „Charakterzügen von CDU-Chef Friedrich Merz“, „bekanntermaßen, schnell beleidigt zu sein und das dann auch lange zu bleiben“. Und der SZ-Journalist Daniel Brössler attestiert in einem ZDF heute-Beitrag, Merz sei „relativ schnell beleidigt“ – eine Schwäche, die Olaf Scholz gezielt zu provozieren versuche. Das Bild vom empfindlichen, nachtragenden Merz ist damit kein Randnarrativ, sondern Mainstream.
Bemerkenswert ist, wie früh und wie lang sich dieses Muster in Texten über Merz wiederfindet. Im Februar 2018 nennt Albrecht Prinz von Croy in einer Kolumne bei Tichys Einblick Merz die „ewige beleidigte Leberwurst Friedrich Merz“ – einen „Politikflüchtling“, der von „Kohls Mädchen“ aus dem Amt des Fraktionsvorsitzenden gekegelt worden sei. Ausgerechnet ein langjähriger Wirtschaftsjournalist aus dem konservativen Umfeld attestiert Merz damit das, was linksliberale Kommentatoren Jahre später aufgreifen: Empfindlichkeit, Kränkung, Dauerbeleidigung als politisches Grundrauschen. Die Folge des Beitrags von Croy bei TE: Ein Interviewtermin in der darauffolgenden Woche zwischen Roland Tichy und Friedrich Merz wird ohne Angabe von Gründen durch das Büro Merz abgesagt, ein neuer Termin wird nicht genannt.
Diese Merzsche Dünnhäutigkeit bleibt nicht bei Worten. Sie findet ihren härtesten Ausdruck im Strafrecht. Die Welt am Sonntag hat Merz’ juristische Aktivitäten detailliert nachgezeichnet: Seit 2021 ließ der damalige Oppositionsführer hunderte Strafanzeigen wegen Beleidigung stellen; die Zeitung spricht von einem „ausufernden Agieren in eigener Sache“ und verweist auf Hausdurchsuchungen wegen teilweise banaler Online-Äußerungen.
In der Auswertung dieser Fälle kommt das Blatt zu dem Urteil, Merz sei – gemessen an der Zahl seiner Anzeigen – „einer der empfindlichsten Politiker“ der Republikgeschichte. Wer als Bürger den falschen Tweet absetzt, hat es hier nicht mit einem dicken Fell an der Spitze zu tun, sondern mit einem Kanzler, der Verletztheit systematisch in Strafanträge übersetzt.
Auch politisch reagiert Merz auf Gegenwind gerne mit Rückzug und Cancellation. Ein prominentes Beispiel ist das „Transatlantische Forum“ Ende August 2022 in der Landesvertretung Baden-Württemberg. Dort sollte Merz gemeinsam mit US-Senator Lindsey Graham, Henryk M. Broder und Joachim Steinhöfel auftreten. Nachdem die übliche linke Kritik an angeblicher „AfD-Nähe“ der übrigen Referenten laut wurde, hieß es dann aus der Landesvertretung: Man werde vom Mietvertrag zurücktreten. Die Welt dokumentierte: „Die Veranstaltung […] war zunächst durch Merz abgesagt worden. Dessen Sprecher hatte das ‚geänderte Programm‘ als Grund angegeben.“ Erst nachdem Merz ausgestiegen war, platzte die Veranstaltung insgesamt – Lindsay Graham sagte im Gegenzug ein Treffen mit Merz ab; Konservative, so der Senator laut Bild, würden sich „nicht gegenseitig canceln, bevor sie sprechen“.
Genau dieses Muster – Kritik, Kränkung, Rückzug – beschreibt die taz, wenn sie notiert, Merz sei „schnell beleidigt“ und bleibe es „lange“. Statt mit Argumenten auszuhalten, dass auf einem Podium auch unbequeme Partner sitzen, wählt Merz den Abgang und überlässt anderen das Kolportieren darüber sowie den angerichteten Scherbenhaufen, während er selbst auf Tauchstation geht. Für einen Politiker, der gern über „Cancel Culture“ klagt, ist das ein bemerkenswerter Rollentausch.
Noch deutlicher wird der lange Atem seiner Kränkung im Streit um die Ludwig-Erhard-Stiftung und hier kommen wir wieder zu dem Artikel von Albrecht Prinz von Croy bei Tichys Einblick im Februar 2018, dem unmittelbar danach abgesagten Termin von Merz an Tichy. Einige Monate später sollte Merz den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik erhalten. Der Eklat darum ist gut dokumentiert: Das Handelsblatt, dem die kolportierte Geschichte zugetragen wird, berichtet, Merz habe den Preis abgelehnt, weil er „nicht mit dem Stiftungsvorsitzenden Roland Tichy auf einer Bühne stehen“ wolle; „Tichys Einblick“ sei ein Forum für „rechtspopulistische Beiträge“. Das Handelsblatt spricht von einem „Eklat in der Ludwig-Erhard-Stiftung“ und einem heftigen Streit um den Vorsitzenden Tichy. Auch linke Blätter greifen die Story gerne auf. Die taz formuliert zugespitzt, der frühere CDU-Spitzenmann wolle den Preis nicht, „er will sich wohl nicht mit Roland Tichy sehen lassen“.
Interessant und wesentlich dabei: Merz selbst bleibt die ganze Zeit nach außen stumm und weiterhin Mitglied der Stiftung, aus der er jederzeit hätte austreten können. So entsteht der Eindruck eines Mannes, der weniger eine inhaltliche Auseinandersetzung führt als eine Inszenierung. Im Medienfachdienst kress wird Merz‘ Verhalten als klassischer Fall „beleidigte Leberwurst“ beschrieben. Der Text hält fest, dass man genaueres nicht erfahre, weil Merz sich „konsequent verweigerte und jegliche Stellungnahme ablehnte“.
Das erhärtet das Bild, das viele etablierte Medien zeichnen: Merz reagiert heftig, aber indirekt – er lässt wirken, was andere über seine Motive streuen, und hält sich selbst aus der direkten Begründung heraus.
Im Januar 2021 wird er von Sylvia Pantel (ehemals CDU, jetzt WerteUnion) konkret auf diesen Fall angesprochen – und Merz widerspricht der einstigen Darstellung: „Das habe doch nichts mit Tichy zu tun gehabt!“ Mit was genau für einer Persönlichkeitsstruktur hat man es bei diesem Mann zu tun?
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