Wer hat Angst vor gesundem Menschenverstand?

vor 11 Monaten

Wer hat Angst vor gesundem Menschenverstand?
Bildquelle: Tichys Einblick

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, wie häufig der gesunde Menschenverstand von Lehrkräften, insbesondere an Universitäten, negativ dargestellt wird. Auch von den kulturellen Eliten in den Medien wird er mit Verachtung gestraft. Der gesunde Menschenverstand gilt häufig als von Natur aus fehlerhaft und wird mit einer naiven Hinnahme unhinterfragter Meinungen gleichgesetzt. Stets wird er als Mittel zur Überbringung von Vorurteilen abgetan. Wer „beschuldigt“ wird, die Welt durch die Brille des gesunden Menschenverstands zu sehen, gilt als potenzielle Bedrohung für Fachwissen und Wissenschaft. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Populismus geht einher mit der Verurteilung seiner ideologischen Verbundenheit mit dem gesunden Menschenverstand. Populistische Politiker politisieren angeblich den gesunden Menschenverstand und „nutzen” oder „manipulieren” seinen Einfluss auf Teile der Wählerschaft. Die Appelle der Populisten an den gesunden Menschenverstand werden unweigerlich als unaufrichtige demagogische Taktik hingestellt.

Kritiker des gesunden Menschenverstands vertreten die Ansicht, dass diese Sensibilität konservative oder populistische Narrative begünstige und daher ihre Akzeptanz durch Millionen von Bürgern ein Hindernis für Reformen und sozialen Wandel darstelle. Wie ich kürzlich in einem Essay dargelegt habe, sind Angriffe auf den gesunden Menschenverstand oft durch Feindseligkeit gegenüber demokratischen Entscheidungsprozessen und Angst vor den Meinungen der Wählermehrheit motiviert. Ein Kritiker des gesunden Menschenverstands behauptet, dass dieser abgelehnt werden sollte, weil er „oft im Dienste des Konservatismus, Populismus oder Mehrheitsherrschaft steht“. Diese ausdrückliche Ablehnung der Rolle der Mehrheit in der demokratischen Entscheidungsfindung ist ein Beispiel für das, was man am besten als Demophobie bezeichnen kann.

Tatsächlich bietet der gesunde Menschenverstand aufgrund seiner Sensibilität für den Sinn des Alltagslebens oft eine zuverlässige Form des Wissens. Aus diesem Grund war der gesunde Menschenverstand historisch gesehen eine Autoritätsquelle und wird auch heute noch als epistemische Grundlage für Urteils- und Entscheidungsfindung angesehen. Die epistemische Autorität des gesunden Menschenverstands beruhte auf seiner Zuverlässigkeit als vertrauenswürdige Quelle von Wissen und praktischer Weisheit. Er wurde über Generationen hinweg durch die Erfahrungen der Gemeinschaft erprobt und ist eine kulturell gewachsene Errungenschaft. Er verkörpert das Erbe eines bewährten und historisch validierten Mediums, um die reale Alltagswelt der Menschen zu verstehen.

Als gewachsene Errungenschaft ist der gesunde Menschenverstand ein historisches Phänomen, das die sich wandelnden Erfahrungen der Gesellschaft widerspiegelt. Das derart vermittelte Wissen ermöglicht es Gemeinschaften, sich mit den moralischen und praktischen Problemen des Alltags auseinanderzusetzen. Obwohl er Wissen verkörpert, das durch Tradition und das kulturelle Erbe der Gesellschaft gewonnen wurde, ist er von Natur aus empirisch und entwickelt sich durch seine Auseinandersetzung mit den Problemen, die eine sich verändernde Welt mit sich bringt. Anders als seine Kritiker behaupten, die den gesunden Menschenverstand als wissenschafts- und expertenfeindlich abtun, hat er eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Denkens gespielt.

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