Das im Weißen Haus entworfene Strategiepapier ist in etwa so angenehm wie eine kalte Dusche. Dass dies den Medien- und Politikzirkeln des Kontinentes missfällt, liegt nahe, handelt es sich doch bei den Europäern um strategische Warmduscher. Damit dürfte der eigentliche Auslöser der bodenlosen Entrüstung insbesondere in Deutschland erschöpfend erklärt sein, denn wer sich Illusionen macht, dem gefällt es in der Regel nicht, wenn man ihm den Spiegel vorhält.
Wie angefasst die Machtzentren Europas auf dieses Dokument reagieren, wäre in der Tat einer eigenen Analyse wert. Die Empörung reicht von säuerlichen Kommentaren bis hin zu völliger Hysterie, unter linksliberalen Meinungsmachern wird vereinzelt sogar von einer Kriegserklärung schwadroniert. Überhaupt raushalten sollen sich die Amerikaner, man verbitte sich eine Einmischung, ja sogar eine Bewertung zur Zukunft des eigenen Kontinents (der von Washington getragenen NATO-Schutz, den man hier zumindest einstweilen weiter einfordert, ist scheinbar eine gottgegebene Selbstverständlichkeit).
Das alles verlässt nun langsam, aber sicher das Terrain der groben Fehleinschätzung und der politischen Talentlosigkeit und grenzt an waschechten europäischen Irrsinn. Selten habe ich in den vergangenen Wochen ein offizielles Dokument oder einen sonstigen Text in den Händen gehalten, der in Inhalt und Form weniger überraschend war. Die Nationale Sicherheitsstrategie in ihrer neusten Auflage muss einem nicht gefallen, doch es handelt sich um realpolitischen Tacheles. Sie besteht, wie jede dieser Strategien in sämtlichen Vorgängeradministrationen, aus einer Mischung geopolitischer Tatsachen und dem jeweiligen Regierungsprogramm.
Nichts, aber auch gar nichts daran ist aufregend oder irgendwie neu. Das ist in jederlei Hinsicht wörtlich zu verstehen, denn die National Security Strategy muss seit einem Gesetz aus dem Jahre 1986 von jedem Präsidenten erstellt werden, und sie alle lassen sich aufwandlos in diversen Archiven nachlesen. Diese Strategiepapiere – im Grunde handelt es sich hierbei um eine Offenlegung gegenüber der US-amerikanischen Legislative nach den Maßgaben der Transparenz und Gewaltenverschränkung - sind immer gleich aufgebaut. Es gibt ein Kapitel zur Weltlage, zu eigenen militärischen Fähigkeiten und möglichen Kontrahenten, und selbstverständlich auch immer ein paar Worte über Europa. Schon in der allerersten Strategie der Reagan-Regierung der 1980er Jahre sorgt man sich in den USA um Handels- und Haushaltsdefizite und notiert öffentlich Gedanken über Lage und Entwicklung der europäischen Partner. Würde man derartiges nicht miteinbeziehen, wäre die Strategie schlichtweg für die Tonne.
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