Was fühlen Sie, wenn man Ihnen ins Gesicht lügt? Das wird wohl zum einen darauf ankommen, wer es tut. Doch ausschlaggebender ist doch vielmehr, wie er es tut. Wut über Verrat oder Vertrauensbruch – das erfordert, dass man der Lüge überhaupt erst Glauben geschenkt hat. Wenn man sich hinters Licht führen lassen hat und der Schwindel erst später auffliegt, dann konnte ein Vertrauen entstehen, das gebrochen werden kann. Wenn man jedoch sofort merkt, dass man gerade belogen wird, fühlt man sich nicht verraten. Vielleicht ist das Gegenüber dabei aber besonders charmant, vielleicht will man die Lüge auch glauben. Dann sieht man gerne mal ohne große Gefühlswallungen darüber hinweg.
Wenn dem Lügner aber buchstäblich die Nase wächst, während er kaum selbst überzeugt, eine halbherzig zusammengespickte Geschichte auftischt, die vor Widersprüchen nur so strotzt, dann ist man auch wütend, aber nicht wegen eines Verrats. Vielmehr ist man doch wütend, dass das Gegenüber einen wirklich für so bescheuert hält. Es geht schon gar nicht mehr um die Lüge selbst; die wird nur noch ein Beweisstück für diese unverschämte Ehrverletzung, diese üble Beleidigung der eigenen Intelligenz. Man ist aufgebracht und wird wahrscheinlich abends unter der Dusche noch daran denken, morgen beim Frühstück, in drei Jahren, wenn man gerade an etwas ganz anderes gedacht hat.
Selbst wenn ein Vertrauensbruch wahrscheinlich sehr viel schlimmer ist, ist es doch schwerer, über solche kleinen Frechheiten hinwegzukommen. Keine Sorge, ich wurde nicht heimtückisch am Valentinstag sitzen gelassen; es folgen ausnahmsweise keine theatralischen privaten Lebenskrisen. Politik wird quasi nur mit Lügen gemacht. Das sagt jeder so dahin, damit hat sich auch jeder schon abgefunden. Selbst unter den unpolitischen Leuten glaubt doch vorher niemand, dass Wahlversprechen wirklich alle eingehalten werden.
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