Palantir-Absage der Bundeswehr: Der steinige Weg zur digitalen Souveränität

vor 2 Monaten

Palantir-Absage der Bundeswehr: Der steinige Weg zur digitalen Souveränität
Bildquelle: NiUS

Vizeadmiral Thomas Daum ist einer, den man mit nüchterner Anerkennung als einen Bilderbuch-Offizier beschreiben könnte. Seit Herbst 2020 führt der ranghohe Marinesoldat den Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, jenem vergleichsweise jungen Organisationsbereich der Streitkräfte also, dem der Aufbau der digitalen militärischen Sicherheit übertragen wurde. Daum leitet diesen Bereich seit beinahe sechs Jahren geräuschlos, ungebrochen und, gemessen an der Berliner Gesamtbilanz, auch mit Erfolg. Der Admiral – als junger Seemann ist er mit der Schnellbootflottille gefahren – weiß, wovon er spricht; denn unter anderem ist er auch promovierter Informatiker. Grund genug, aufmerksam zuzuhören, wenn Daum dem Handelsblatt in dieser Woche ein Interview gibt. Die Bundeswehr führt derzeit nämlich ihre neue Datenbanksoftware ein. Der US-Anbieter Palantir? Der ist vom Tisch. „Das sehe ich momentan überhaupt nicht“, äußert sich der Cyber-Inspekteur. Recht hat er.

Vizeadmiral Thomas Daum

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Neugründungen wie das Cyberkommando, der „Innovation Hub der Bundeswehr“ oder die nagelneue US Space Force noch wahlweise belächelt oder allzu enthusiastisch beklatscht. Im oft sehr analogen Alltag der Truppe und vor dem Hintergrund des bundesdeutschen Faxgeräte-Wahnsinns wirkte dieser Strukturwandel performativ, schmeckte zivil. Weiße Turnschuhe, Computer-Nerds mit dicker Brille und dünnen Oberarmen – das passte nicht zu einer Wirklichkeit, in der noch immer Panzer im Schlamm versinken, Jägerfeuer geschichtet und Meerengen geschlossen werden.

Inzwischen sind wir alle klüger geworden. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es zwar nach wie vor, wenn beispielsweise beim Staatsbesuch des britischen Monarchen die futuristische Space Force defiliert. Doch die Realität in der Geopolitik und auf dem Schlachtfeld hat uns eingeholt: Die Cyberkriegsführung löst Matsch, Blut und Eisen nicht ab, sondern tritt ganz einfach zu diesen bestehenden Faktoren hinzu. Die digitale Erfassung und Verarbeitung von Informationen, die digitale Kommunikation, der Betrieb von Drohnen und anderen Waffensystemen gehört fest zum Gefechtsfeld. Er ist außerdem entscheidend für das Funktionieren militärischer Befehlsketten und zügiger politischer Absprachen. Aus der zivilen Wirtschaft und der kritischen Infrastruktur ist das Digitale ohnehin nicht mehr wegzudenken. Das schafft aber auch neue Verbundbarkeiten – und neue Abhängigkeiten. Eine Entscheidung für oder gegen Palantir ist, so wie jedes andere Vorhaben in dieser Domäne auch, deshalb immer eine sehr konkrete Auseinandersetzung mit dem Ringen um nationale, meinetwegen auch europäische Souveränität.

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