NIUS-Kolumnist Chris Becker beantwortet die wichtigsten Fragen zum Iran-Krieg

vor 4 Monaten

NIUS-Kolumnist Chris Becker beantwortet die wichtigsten Fragen zum Iran-Krieg
Bildquelle: NiUS

Wie geht es im Iran weiter und wie positionieren sich Akteure wie Russland im aktuellen Krieg?

NIUS hat seinem Kolumnisten und Militärexperten Chris Becker einige Leitfragen gestellt, die den Deutschen derzeit auf den Nägeln brennen. Der ehemalige Luftwaffenoffizier spricht über Rohstoffpreise, wechselseitige Abhängigkeiten und persönliche Beziehungen im Machtapparat. Und beantwortet die Frage: Wie lange wird dieser Krieg dauern?

Ich kann nicht in irgendjemandes Kopf schauen, aber man darf annehmen, dass die derzeitigen Auswirkungen des Irankrieges dem Kreml gravierend in die Hände spielen.

Gleich zu Beginn würde ich deshalb die für Russland ungünstigen Entwicklungen zügig durchgehen, sie gehören zur seriösen Analyse mit dazu. Auf der ganz großen Landkarte stellt es für Putin durchaus einen Reputationsschaden dar, dass er verbündete Potentaten zuletzt nicht an der Macht halten konnte. Namentlich sind das Assad in Syrien, Maduro in Venezuela und Khamenei in Teheran. Der Ukrainekrieg bedeutete eine Verlagerung der russischen Mittel hin zur eigenen europäischen Westfront, dadurch hat Russland seinen Einfluss auf Syrien verloren. Mit den neuen Machthabern in Damaskus muss der Kreml nun relativ kleinlaut über die wichtige Mittelmeer-Marinebasis Tartus verhandeln; also genau mit denen, die es zu Assad-Zeiten noch als Terroristen bekämpft hat. In Venezuela haben die USA die „Donroe-Doktrin“ (also eine Kombination aus Donald Trump und der historischen Monroe-Doktrin) durchgepeitscht. Stand jetzt verfügt Russland über keine wirklichen Verbündeten mehr im Nahen Osten. Die USA dominierten die Region auch vor dem Angriff ohnehin strategisch beinahe vollständig. Man sollte ebenfalls nicht vergessen, dass im Verlaufe des Ukrainekrieges auch sämtliche russische Militäroperationen in Afrika praktisch zum Erliegen gekommen sind.

Das war’s dann aber auch schon. Bisher lässt der Irankrieg Russland einigermaßen kalt, was ich als Hinweis darauf deute, dass man womöglich nicht mit einem ernsthaften Regimewechsel rechnet. Eine Schwächung Teherans und des alliierten Regimes ist für die Russen erst mal keine gute Nachricht, möchte man meinen. Aber die Situation vor Ort war, wie gesagt, ja eine ziemlich unangefochtene US-Hegemonie. Dann wurde der Tisch umgeworfen. Jetzt werden Chaos und Unordnung kommen, und der Kreml sieht so etwas womöglich auch als Chance, wieder einen besseren Platz am Tisch zu bekommen. Man könnte noch auf die Idee kommen, dass durch den Krieg die Versorgung Russlands mit Shahed-Drohnen gefährdet ist, aber danach sieht es nicht aus. Shahed und ähnliche Systeme sind zwar ein iranisches Design, aber sie werden mittlerweile überwiegend tief im russischen Hinterland hergestellt, beispielsweise in der Stadt Jelabuga.

Dann kommen eine ganze Reihe von Faktoren, die aus Moskauer Sicht auf der Haben-Seite stehen. Das Offensichtlichste sind die Rohstoffe. Chaos und Zerstörung in der Straße von Hormus bedeuten, das wurde ja nun wirklich von sämtlichen Zeitungen dutzendfach thematisiert, eine Verteuerung der Preise auf dem Weltmarkt. Für manche Importeure bedeutet es aber auch eine Verknappung der Versorgung. Preis und Versorgung sind wirklich zwei Paar Schuhe, und das ist in den letzten Tagen in der deutschen Debatte auch richtig durcheinandergeraten. Lieferketten haben eine starke geografische Komponente, sie sind komplex und überraschend statisch. Es ist auch nicht jede Öl- und jede Gassorte chemisch gleich, und es kommt immer darauf an, was Sie mit dem Rohstoff genau anstellen wollen.

Russland ist im Kern eine Rentenökonomie und der Staatshaushalt basiert massiv auf den Erträgen des Rohstoffexportes. Putin darf sich also über steigende Einnahmen freuen. Mehr noch, es bedeutet auch, dass er an ausländische Devisen kommt, in einer Wirtschaft, die zunehmend auf Rüstungsproduktion abgestellt ist, ist das mindestens genauso wichtig.  Das Allerbeste ist, dass die Versorgungsknappheit ausgerechnet China und die Preissteigerung ausgerechnet Europa trifft. Der zunehmende Einfluss des chinesischen Milliardenstaates schwebt über dem demografisch schrumpfenden, aber rohstoffreichen Russland wie ein Damokles-„Spieß“, den Peking irgendwann umdrehen könne. Die jetzige Lage sorgt wieder für etwas mehr Augenhöhe.

Die Amerikaner haben das geschnallt, und versuchen nun, das einzudämmen. Bei seinem anstehenden Peking-Besuch will Trump die Chinesen davon überzeugen, statt russischem Öl US-amerikanisches zu kaufen, die Diplomaten der nachgeordneten Ebene bereiten das gerade vor. Gleichzeitig erlaubt die USA – die Meldung kam heute beim Frühstück – ihren indischen Raffinerieunternehmen jetzt für 30 Tage den Kauf russischen Öls, um den Weltmarktpreis zu stabilisieren. Während der Ukraine-Verhandlungen ist das ein peinliches Eingeständnis.

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