Am 1. Juni 2024 kommen sich im ländlichen Niedersachsen Ruhm und Rohheit gefährlich nahe. In der Klosterkirche Ebsdorf hallt an diesem Vormittag die Stimme von SPD-Innenministerin Daniela Behrens wider. Sie preist die zivilgesellschaftliche Initiative „beherzt“ in einer Laudatio, die wie ein Gebet klingt: ein Loblied auf „demokratisches, menschenfreundliches Miteinander“, die sich Menschen in den Weg stelle, die „gutbürgerlich getarnt“ versuchten, die demokratisch gesinnte Nachbarschaft mit völkischem Gedankengut zu unterwandern. Der Julius-Rumpf-Preis wird verliehen, begleitet von einem Scheck über 10.000 Euro. Der Initiative für „beherzt“, die sich gegen „völkische Siedler“ positioniert, ist Ruhm sicher.
Die Innenministerin Niedersachsens: begeistert von „beherzt“. (Quelle: Instagram)
Doch keine 15 Kilometer östlich, unweit des Kurorts Bad Bevensen, zerreißt ein anderer Ton die Stille. Ein Bus rollt über die Landstraße. Als die Türen sich öffnen, quillt eine Schar Vermummter hervor – etwa 30 Gestalten, maskiert in Schwarz, die Gesichter unsichtbar, die Schritte entschlossen. Vor einem roten Ziegelbau entrollen sie ein Transparent: „Völkische Nazi-Strukturen Aufdecken & Bekämpfen“. Ein Megafon kreischt Parolen in die Luft, Flyer flattern über den Hof, die Demonstranten führen Schlagringe und Quarzhandschuhe mit sich. Die Nachbarn, aus ihren Häusern gelockt, stehen da – dann kommt es zu Wortgefechten, Schubsereien, ein Mann wird vom schwarzen Mob in den Würgegriff genommen, die Brille zertreten, er selbst verprügelt.
Szenen dieser antifaschistischen „Bildungsfahrt“, wie es euphemistisch heißt, liegen NIUS exklusiv vor. Zwei Tage später taucht ein Video auf YouTube auf, Titel: „Antifa-Hausbesuch“. Die Aufnahmen zeigen einen entfesselten Sturm aus Wut und Chaos, der unangemeldet vor Privathäuser zieht und Menschen brandmarkt. Rohheit eben.
Hier, im ländlichen Niedersachsen zwischen Lüneburger Heide und Uelzen, zeigt sich im Kleinen, wie der Staat zivilgesellschaftliches Engagement mit Preisen und Pathos zu einer Tugend krönt, und diese Zivilgesellschaft nahtlos in eine militante Bewegung übergeht, die vermummt Menschen einschüchtert und denunziert. Im „Kampf gegen Rechts“ heiligt dabei, so scheint es, jeder Zweck die Mittel.
Dabei geht es um „völkische Siedler“, also Familien, die sich im weitesten Sinne einem rechten, naturverbunden, heimattreuen und traditionellen Lebensstil verschreiben – und angeblich im ländlichen Raum siedeln, um gezielt ihr Gedankengut zu verbreiten. Diesen „Sippen“ hat „beherzt“ den Kampf angesagt. Doch Recherchen von NIUS zeigen erstmals, dass der staatliche unterstützte Kampf von der militanten Antifa weitergeführt wird – und dass deshalb Menschen plötzlich an ihren Privatadressen nicht mehr sicher sind. Für die Recherche konnte NIUS erstmals mit mehreren Anwohnern und sieben Personen sprechen, die als „völkische Siedler“ gelten und teilweise schwere Konsequenzen erfuhren, weil Zivilgesellschaft und Antifa in ihnen missliebige Personen sahen, die es zu zerstören galt.
Alle von ihnen wollen für diesen Text anonym bleiben, zu groß die Angst vor Konsequenzen, zu bedeutend die Einschnitte. Und doch zeigen ihre Erzählungen: Es deutet einiges darauf hin, dass sich der zivilgesellschaftliche Kampf gegen „völkische Siedler“ verselbstständig hat – und gegen ein Phantom ins Feld zieht, das niemand definieren kann; gegen Menschen, die gesetzestreu leben; die gesellschaftlich engagiert und nachbarschaftlich angesehen sind; und in manchen Fällen sogar Menschen trifft, die gar nicht „völkischen Siedlern“ zuzurechnen sind.
Da wäre zum Beispiel Reinhard Neitzel*. Der Mann Mitte 40 sitzt am 1. Juni 2024 in einem dreistöckigen weißen Haus, das am Rande des Hofs wie ein Anker in der Landschaft ruht. Plötzlich wimmelt es vor seiner Tür von Menschen in Balaklava-Masken. Die „Antifaschisten“ klagen an: Neitzel sei einst beim „Sturmvogel“ aktiv gewesen, einer bündischen Jugendgruppierung, die auch von Rechten aufgesucht wurde. Seine Familie habe einen Antiquariatshandel betrieben, der NS-Literatur vertreibe. Seine Frau, eine angehende Lehrerin, verschreibe sich Methoden, die auch von der „Anastasia“-Bewegung aufgegriffen werden, einer weiteren völkischen Gruppierung. Vor 17 Jahren, wohlgemerkt als 16-Jährige, stand sie bei einer Gedenkdemonstration für gefallene Soldaten in Dresden, auch Neonazis waren an diesem Tag dort. Nun liegt all das ausformuliert auf Papier, wird laut skandiert, an Nachbarn verteilt.
Demonstration vor Neitzels Hof.
Neitzel reagiert geistesgegenwärtig, tritt hinaus, das Handy in der Hand. Die Menge bedrängt ihn mit Regenschirmen, „Nazi-Sau“ hallt durch den Hof, er filmt trotzdem. „Ich lebe seit acht Jahren hier“, sagt Neitzel später, „und hätte nie gedacht, dass ich zum Staatsfeind werde.“ Der Versandhandel? Der gehörte seinem Vater, wurde längst übernommen von einem Bruder – und ja, es gebe dort NS-Schriften, aber auch kommunistische Texte oder Schriften der konservativen Revolution, vor allem für Studenten, die Primärquellen kauften. Er selbst habe Hannah Arendt auf dem Nachttisch liegen, habe auf seinem Hof Menschen mit Behinderung beherbergt, und ja, die Familie sei auch auf Coronademos gewesen, dazu stehe er. Er kam ins ländliche Niedersachsen für ein Leben mit Frau und Kind unweit seines Arbeitsplatzes, nicht um irgendein Gedankengut zu verbreiten. „Es sind totalitäre Methoden“, sagt der Mann heute, Pullover überm Kragen, die Stimme sanft, „jeder, der den linken Konsens stört, soll markiert werden“. Später wird ihm, seit jeher parteilos, ein Gericht Recht geben.
Doch der Vorfall an Neitzels Hof ist kein Einzelfall: Zwischen 2023 und 2024 rollten die Vermummten unter dem Banner „Völkische Nazi-Strukturen Aufdecken & Bekämpfen“ zu mindestens sieben Privatadressen in Niedersachsen. Dabei stets das gleiche Ritual der Bloßstellung: Megafone, Rede, Flyer, Vermummung, Outing. Jeder, so die Logik, soll wissen, mit welchen Rechten er zusammenlebe, und wer rechts sei, das definiert die Antifa.
Die Bustour vor Neitzels Hof steht dabei am Ende eines Kontinuums, das von staatlich geförderter Zivilgesellschaft bis zu roher Gewalt reicht.
Alles beginnt 2018 in der Lüneburger Heide. Martin Raabe, einst Seemannspastor mit weißem Bart, und Isa von Bismarck-Osten, eine Architektin, die aus Köln in die Heide zog, gründen die Initiative „beherzt“. Von Bismarck erzählt, wie schockiert sie gewesen sei, als sie merkte, dass Nachbarn im ländlichen Raum rechtes Gedankengut hegten. Schnell holen Raabe und von Bismarck Andrea Röpke ins Boot, eine Journalistin und Rechtsextremismusexpertin, die ihr Berufsleben lang zu „völkischen Siedler“ recherchiert, sie auf Veranstaltungen ablichtet, dabei für das Portal „Endstation Rechts“ schreibt und vor Antifa-Gruppen spricht. Röpke ist bei der Gründung zugegen, wird auf dem Flyer als Expertin zitiert. Es ist die erste Verbindung, die Nähe zu Linksextremen vermuten lässt – und wird nicht die letzte bleiben.
Röpcke referiert vor der Antifa.
Zwischen Amadeu Antontio-Stiftung, Andrea Röpke und völkischen Sippen: die Gruppe „beherzt“.
„Beherzt“ zieht mit missionarischem Eifer los, geht in Kirchen, Gaststätten, Vereinshäuser. Die Initiative warnt vor uniformierten Waldmärschen in Klüften, vor AfD-Wählern und Deutschtümelei, vor rechter Esoterik, vor Maitänzen und Liederabenden, vor Sonnenwendfeiern und Runen an Fachwerkfassaden, vor der „Angst vor dem großen Austausch“. Mal sind es Neonazis, mal der christliche Eifer des Historikers Karlheinz Weißmann, mal Identitäre, mal alternative Medizin, mal Freizeitaktivitäten, mal politische Haltungen.
Vortrag von „beherzt“: Es geht um alles, was im weitesten Sinne rechts ist.
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