Am frühen Morgen des 4. Dezember wurde der Geschäftsführer der privaten Krankenversicherung UnitedHealthcare in Manhattan auf der 54. Straße mit einer schallgedämpften Waffe erschossen. Er war auf dem Weg von seinem Hotel, um an einem Investorentreffen im gegenüberliegenden Hilton Midtown teilzunehmen. Ein bewaffneter Mann im Kapuzenpullover hatte dem CEO aufgelauert, wie ein Überwachungsvideo zeigt. Brian Robert Thompson, 1974 in Iowa geboren, wurde nur 50 Jahre alt, und hinterließ eine Frau und zwei Kinder.
Auf den gefundenen Patronenhülsen fanden sich unter anderem die eingeritzten Worte „deny“ und „delay“ – also „verweigern“ und „verzögern“, zwei irgendwie bekannte Taktiken von Versicherungsunternehmen, um Zahlungen zu vermeiden, und das rund um den Globus. „Delay Deny Defend“ (Verzögern, Verweigern, Verteidigen) ist eine andere Version dieses Versicherungsmantras, das vor eine Belastung der Bilanzen schützen soll. In New York sollte diese typische Charakteristik einer Branche nun einen Mord rechtfertigen.
So reimten es sich jedenfalls gewisse Social-Media-Helden zusammen, die sich außerstande sahen, den Tod des Healthcare-Direktors auch nur mit verhaltener Trauer aufzunehmen. Stattdessen gab es viele enthusiastische, verhöhnende oder sarkastische Smileys und einen offen bekundeten Mangel an „Empathie“, der offenbar immer dann angesagt scheint, wenn über irgendetwas moralische Entrüstung ausgegossen werden soll. In Kurzform: Weil das Opfer sich unmoralisch verhalten hat, verdient es seine Verluste voll und ganz, selbst wenn es dabei um sein Leben geht.
Die Gründe lagen offenbar tiefer. „UnitedHealthcare lehnte meine Operation zwei Tage vor dem geplanten Termin ab. Ich war in Tränen aufgelöst in der Finanzabteilung des Krankenhauses (während ich mich eigentlich auf die Operation vorbereiten sollte)“, schrieb ein X-User und bekam zehntausende Likes dafür. Nach Thompsons Tod gab es eine wahre Flut von Medienberichten über durch United Healthcare verweigerte Kostenübernahmen, die sich laut Berichten zum Teil der Automatisierung der Anerkennungsverfahren durch KI verdankte. UHC hatte 2021 angekündigt, die Kostenübernahme für „nicht-kritische Besuche“ in Krankenhaus-Notaufnahmen zurückfahren zu wollen.
Schon die ersten Beiträge zum Geschehen, etwa von CNN, räumen den „angsterregenden“ und „unangemessenen Verweigerungen“ der US-Versicherer breiten Raum ein. Es dauerte nicht lange, bis weitere Vorwürfe gegen Thompson persönlich – „hochschnellende Gewinne“ und Insiderhandel – lanciert wurden.
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