Zu kollektiven Geschichtserinnerungen gehört die präzise Antwort auf die Frage, wo man in der entscheidenden Minute war. Die Millennials sind zu jung für den Mauerfall, erinnern sich aber meist noch an den 11. September. Was am Tag von Angela Merkels Grenzöffnung geschah – und dieser Begriff wird seit zehn Jahren mit Nachdruck aus der offiziellen Geschichtsschreibung verdrängt –, kann der Autor dieser Zeilen noch genau rekonstruieren.
Es geht dabei weniger um die persönliche Erinnerung als um die europäische Wahrnehmung. Ich war am Gardasee. Die erste Frage lautete: Sind die Deutschen übergeschnappt? Merkel und ihre Bundesregierung, die seit Jahren „europäische Interessen“ beschworen, hatten im Alleingang genau diese Interessen missachtet. Italien kämpfte seit dem Zusammenbruch Libyens gegen den Andrang von Migranten. Merkels Signal war kein rein deutsches, auch wenn sie – stets getrieben von Umfragen und Schlagzeilen – es vor allem als innere Angelegenheit betrachtete.
In dem Moment, da Bundeskanzleramt und Bundesinnenministerium dem Linkspopulismus nachgaben und das Recht außer Kraft setzten, wusste jeder Gaststättenbesitzer am Gardasee besser, was das bedeutete, als so mancher Experte mit Hochschulabschluss.
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