Als ich vor einem Jahr aus einem klitzekleinen Sauerländer Dorf in den Großstadtdschungel der Hauptstadt eintauchte, musste ich schnell feststellen, dass ich nicht nur den Wohnort gewechselt hatte, sondern gleich die gesamte Lebensrealität. Migration, Müll, Verwahrlosung: Was man als Zugezogener in Berlin erlebt, geht im ländlichen Sauerland auf keine Kuhhaut.
3,7 Millionen Einwohner sorgen dafür, dass es in Berlin niemals langweilig wird. Geschäfte, die 24 Stunden geöffnet haben, eine Bahn, die einmal die ganze Stadt umkreist, und es gibt an einem Wochenende mehr Möglichkeiten zum Feiern als in der gesamten Schützenfestsaison: Wer auf dem Land groß geworden ist, taucht in Berlin in ganz andere Lebenswelten ein. Wer ankommt, merkt schnell: In Berlin weht ein ganz anderer Wind. Und der macht sich bereits auf dem Weg zur Arbeit bemerkbar.
Während den Sauerländern der Geruch von Wald, Wiesen und manchmal auch Gülle um die Nase weht, wird auch der Berliner mit Hinterlassenschaften konfrontiert – jedoch mit menschlichen. Der Uringeruch am Bahnhof Prinzenstraße in Kreuzberg hat den Morgentau ersetzt, der von den Wiesen des Sauerlandes aufsteigt, der Baulärm den krähenden Hahn.
Selten einen Halt wert: Der Bahnhof Prinzenstraße in Kreuzberg
Ein Gemeinschaftsgefühl kommt in Berlin nicht auf. Gemeinsam hat die Stadt, bis auf die nobelsten Randbezirke, nämlich eigentlich nur das Chaos. Verständnis, Rücksicht und Verantwortung für das eigene Umfeld fehlen vollkommen.
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