Es war ein absehbarer Terror, der Syrien seit wenigen Tagen im Griff hat. TE hatte früh die Jubelrufe über den Sturz von Baschar al-Assad kritisiert – sein Ende würde die Situation im krisengeschüttelten Land nicht verbessern, sondern unübersichtlicher machen. Massenmedien und Politiker nährten die Illusion, dass nun Frieden nach Syrien zurückkehren würde. Die unangenehmen Details – etwa, dass die neue Regierung in Damaskus aus Dschihadisten bestand – wurden ausgeklammert. Nach der Vertreibung des russlandfreundlichen Assad waren es schließlich „unsere“ Dschihadisten.
Dass der Westen unter ähnlichen Konstellationen bereits mit den afghanischen Widerstandskämpfern gegen die Sowjetinvasion sympathisierte – zu denen auch der Gotteskrieger Osama bin Laden zählte –, ist im Kurzzeitgedächtnis vieler Politiker und Journalisten längst verblasst. Der Unterschied zwischen Realpolitik und Zynismus liegt darin, dass erstere trotz fehlender Moral langfristigen politischen Strategien folgt. Eine solche langfristige Politik lassen Europa und die USA in Syrien ebenso vermissen, wie es in Afghanistan, dem Irak und Libyen der Fall war.
Bereits im Irak war es in erster Linie die christliche Gemeinde, die unter dem Sturz Saddam Husseins litt – übrigens ebenfalls ein vom Westen zunächst gegen den Iran protegierter Staatschef, der später in Ungnade fiel. Ähnlich wie das syrische Regime des Alawiten Assad führte der Sunnit Hussein ein Land, in dem die politische Elite eine ethnisch-religiöse Minderheit stellte. Die säkular-nationalen Regime förderten bewusst eine sozialistisch geprägte Ideologie, um ethnische, religiöse und tribalistische Elemente zu eliminieren und die eigene Minderheitenherrschaft zu stabilisieren.
Es ist kein Zufall, dass einer der wichtigsten Berater Saddam Husseins sein Außenminister Tariq Aziz war – ein Angehöriger der chaldäischen Kirche, die mit der römisch-katholischen Kirche uniert ist. Solche Karrieren waren in den panarabisch-säkularen Regimen der Nachkriegszeit noch möglich. Doch mit der Hinwendung zum Islam gewann der sunnitisch-schiitische Gegensatz an Gewicht. Dort, wo islamistische Bewegungen an die Macht gelangten, folgte in den meisten Fällen eine „Bereinigung“: Demografisch heterogene Staaten sollten homogenisiert werden. Oder deutlicher: gesäubert.
Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele, in denen einst herrschende Minderheiten nach ihrem Sturz brutal verfolgt wurden. Neben der spezifisch islamistischen Säuberung tritt das Motiv der politisch-ethnischen Säuberung hinzu. Beides betrifft die Alawiten in Syrien, die als schiitische Abspaltung von vielen sunnitischen Gelehrten als häretisch oder gar unislamisch gebrandmarkt werden. Die prominenteste alawitische Familie ist die Assad-Familie, die in den 1960er Jahren über das alawitisch geprägte syrische Militär an die Macht gelangte.
Westliche Medien und Politiker haben daher fast kritiklos die Propaganda übernommen, in der Küstenregion von Latakia und Tartus – dem Kernland der Alawiten – hätte man Widerständler, unbelehrbare Assad-Anhänger und Feinde der neuen Ordnung niedergeschlagen. Dieses Narrativ entspricht der sunnitischen Wahrnehmung: Alawiten sind per se Verräter, und wer sich gegen die neue Regierung stellt, muss ein Assad-Anhänger sein. Wenig verwunderlich, dass solche Narrative unkritisch übernommen werden, denn sie weisen Parallelen zum bestehenden Freund-Feind-Schema westlicher Politik auf – in dem jede Kritik an der Regierung als Angriff auf die staatliche Integrität verstanden wird und folglich nur von „Demokratiefeinden“ stammen kann.
Dass sich Reste Assad-loyaler Milizen erhoben haben, ist nicht von der Hand zu weisen – dass sie zum Anlass genommen wurden, um gegen die ganze unliebsame Minderheit der Alawiten vorzugehen, ist jedoch unstrittig. Dass zudem Christen massakriert werden, kann wohl kaum mit militärischen Kollateralschäden erklärt werden.
Dabei ist das Drehbuch durchschaubar. Die Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die als Nachfolgerin der islamistisch-dschihadistischen Al-Nusra-Front die Macht in Damaskus errungen hat, musste diese zunächst absichern. Sie bot dem Westen das, was er hören wollte: Männer im Anzug, die sich als Pragmatiker präsentierten. Dass die deutsche Außenministerin bei ihrem Besuch verpixelt wurde, sorgte für hochgezogene Augenbrauen – aber nicht für Konsequenzen. Europa signalisierte Unterstützung. Damit sicherte es jene Despoten ab, die mit türkischer Hilfe in den Sattel gehoben wurden. Dass Ankara keinen Hehl aus seiner Unterstützung für Islamisten macht, ist bekannt. Syrien ist de facto zu einem türkischen Frontstaat geworden.
Der Wolf fühlt sich nun sicher. Er braucht keine Kreide mehr.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











