Frankreichs Präsident Emmanuel Macron muss sich sicher einiges vorhalten lassen. Mangelnde mediale Umtriebigkeit und ein unterentwickeltes Talent zur Selbstvermarktung kann man ihm jedoch kaum unterstellen. Rechtzeitig zur Münchener Sicherheitskonferenz und zum Gipfeltreffen in Antwerpen am Donnerstag zog der Präsident sämtliche Register der politischen Kommunikation.
Den Aufschlag setzte Macron in Davos nach einer Augenverletzung mit einer verspiegelten Sonnenbrille, ein kokettes mediales Vorspiel, das ihn zeitweilig aus dem Umfragetief emporhebt. Im Vergleich zum vormaligen Piratenkanzler Olaf Scholz mit seiner Augenklappe wirkte der Franzose, zumal unter dem Eindruck der Grönland-Debatte, wie ein agiler und abgebrühter Kampfpilot. Vor drei Tagen dann gab Macron der Süddeutschen Zeitung (SZ), in deren Stammlande auch die Sicherheitskonferenz stattfindet, ein vor Selbstbewusstsein und Anmaßung strotzendes Interview. „Wenn wir nichts unternehmen“, so der Tenor, „ist Europa in fünf Jahren hinweggefegt“. Europa, sagen Sie, Herr Präsident, ja? Dann wollen wir mal.
Die „SZ“ am 10. Februar 2026
„Kämpfer für ein souveränes Europa“, so untertitelt die SZ das Macron-Portrait im Halbschatten seines Élysée-Palastes in ihrer unverwechselbaren, ostentativ aufgeklärten Manieriertheit. Es wird im Folgenden nicht um die SZ gehen, das Interview des ohnehin viel erfahreneren Kollegen ist fachlich herausragend, doch der neurotische Ästhetizismus der Münchener Linksliberalen in der Aufmachung dient bereits als schaurig-schönes Exempel für etwas, das später noch wichtig werden soll.
Die vielbeschworene deutsch-französische Freundschaft, die uns in der Schule als Motor der Europäischen Union vermittelt wurde, ist die vielleicht sagenhafteste aller außenpolitischen Illusionen, die sich die Deutschen tagtäglich zusammenträumen. Sie in Frage zu stellen, sie wenigstens ergebnisoffen zu diskutieren, gilt hierzulande als eine Art Sakrileg. Die Aussöhnung mit Frankreich nach dem Kriege ist der Kern der europäischen Identität, und diese wiederum ist der Kern der bundesdeutschen Selbstvergewisserung. Ohne sie plagt die Deutschen die Angst, dass sie morgen früh vielleicht als expansionslüsterne Imperialisten aufwachen. Das gilt zuvörderst für die westdeutschen „Boomer“, die sich ein Leben ohne Paris schwerlich vorstellen können. Wie in einer unglücklichen Beziehung hilft es sodann auch wenig, auf die überwältigenden Fakten aus den letzten Jahrzehnten hinzuweisen: Eine große rhetorische Geste pro Jahr genügt, damit die Traumwelt sich weiterdreht.
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