Iran nach der Erschöpfung: Über eine Revolution, die niemand zu Ende bringt

vor 6 Monaten

 Iran nach der Erschöpfung: Über eine Revolution, die niemand zu Ende bringt
Bildquelle: NiUS

In den vergangenen sechs Tagen gingen in zahlreichen iranischen Städten Zehntausende auf die Straße: in Teheran, Isfahan, Maschhad, Schiras, Tabriz. Zeitweise kam es zu kampfähnlichen Szenen: Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, Demonstranten errichteten Barrikaden, Videos zeigen brennende Müllcontainer und zerstreute Menschenmengen, die sich immer wieder neu formieren. Der offizielle Grund: die steigenden Lebensmittelpreise. Auf Transparenten steht aber nichts von Inflation oder Subventionen, sondern: „Tod dem Diktator“, „Dieses Jahr ist das Jahr des Sturzes“ – oder: „Nicht für Gaza, nicht für Libanon, mein Leben für Iran“.

Demonstranten protestieren gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen in Teheran.

Die Demonstranten sind überwiegend junge Menschen: zahlreiche Frauen ohne Kopftuch, Studenten, Arbeiter, Angestellte. Sie tragen Jeans, Turnschuhe, Alltagskleidung – nichts Revolutionäres, nichts Inszeniertes. Gerade darin liegt die Provokation. Diese Proteste sind keine folkloristische Opposition, sondern der Ausdruck eines Alltags, der sich der religiösen Kontrolle entzieht.

Der Iran befindet sich wieder einmal in einem Zustand des Dazwischen. Große Demonstrationen erschüttern Städte, Universitäten, Fabriken und Randbezirke. Parolen gegen das Regime hallen durch Straßen, die längst gelernt haben, wie schnell Hoffnung in Blut umschlägt. Das Volk leidet seit fast einem halben Jahrhundert unter einer religiösen Herrschaft, die sich nicht reformieren lässt, weil sie strukturell auf Unterwerfung beruht. Und doch bleibt das internationale Echo auffallend gedämpft.

Ahvaz im Süden von Iran gehen einige bewaffnet auf die Straße und protestieren offen gegen das Mullah-Regime. In Regionen wie Kurdistan, Ahvaz und Balochistan ist es historisch und gesellschaftlich üblich, dass Teile der Bevölkerung bewaffnet sind. #Iran pic.twitter.com/rHxSeaNgzf

Die deutschen Medien berichten sparsam, und wenn überhaupt, dann über Inflation, Währungskrise, Arbeitslosigkeit, Sanktionen. Sie berichten über Zahlen – aber nicht die generelle Ablehnung. Über Preise – aber nicht über Prinzipien. Was fast vollständig ausgeblendet wird, ist die fundamentale Zurückweisung des Systems selbst.

Dabei ist genau diese Ablehnung der eigentliche Kern der iranischen Proteste. Es geht nicht mehr um Brotpreise, nicht um Subventionen, nicht mehr um ökonomische Stellschrauben. Es geht um die vollständige Delegitimierung einer religiösen Macht, die sich seit 1979 als moralische Instanz inszeniert und längst nur noch als nackter Zwang existiert. Die Steigerung der Lebensmittelpreise mag ein Katalysator sein, die Ursachen sind aber weitgehend tiefer.

In Qom skandieren Demonstranten: „Die Mullahs sollen verschwinden – es lebe der Schah!“

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