Es ist eine Mischung aus Fassungslosigkeit und einer seltsamen Trauer darüber, dass die so grandios gewonnene Freiheit des Mauerfalls sich ganz offensichtlich mehr und mehr verflüchtigt. Wie gierig hatten wir in diesen wahnsinnigen, schwindelerregenden und atemlosen Wendetagen jene Entfesselung aufgesogen, die noch im Oktober 1989 völlig fern und utopisch klang: Als Bürger Grundrechte zu haben, ein Verfassungsgericht, das mich als Bürger im Zweifel gegen den Staat machtvoll in Schutz nimmt, die Freiheit, alles zu sagen, zu schreiben, zu lesen bis an die Schmerzgrenzen des Ketzerischen und Bösartigen ...
Wegen eines Tweets, in dem der über jeden Verdacht staatsfeindlicher Umtriebe erhabene Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz eine Analogie zum Slogan „Deutschland erwache“ aufzeigte, wurde jetzt seine Wohnung durchsucht. Welcher Staatsanwalt hat sich über jenen Tweet gebeugt und in dem völlig richtigen und sogar historisch durchaus bedenkenswerten Hinweis von Norbert Bolz, die linksalternative „taz“ habe in ihrer Überschrift „Deutschland erwacht“ die Tonlage des NS-Sturmliedes aufgenommen, eine Form von Volksverhetzung erkannt?
Für diesen Tweet kassierte Bolz eine Hausdurchsuchung.
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