Es ist ein einmaliger Vorgang auf der ganzen Welt: An einem bestimmten Morgen im April – dieses Jahr fiel der Tag auf den Dienstag – heulen um Punkt zehn Uhr in ganz Israel Sirenen auf – und jede Bewegung erstirbt. Fußgänger bleiben auf der Stelle stehen, Bauarbeiter stellen ihre Maschinen ab, Kräne hängen reglos in der Luft. Autofahrer lenken ihre Fahrzeuge an den Straßenrand, steigen aus und verharren schweigend neben ihren Wagen. Niemand telefoniert, niemand geht weiter – das ganze Land steht still. Für zwei Minuten halten alle Menschen in diesem Land inne und bewegen sich nicht mehr.
Das Sirenenritual am Jom haScho’a (bei uns bekannt als Holocaust-Gedenktag) ist die ungewöhnlichste Erinnerungskultur der Welt. Die Knesset (israelisches Parlament) hat die Gedenkminuten 1959 durch ein Gesetz verankert. Ursprünglich hieß er „Tag des Gedenkens an die Schoah und das Heldentum“. Der Gedenktag verknüpft die Katastrophe mit der Wiedergeburt des jüdischen Staates. So, wie dieses Gedenken einst konzipiert war, wird es heute noch gelebt.
Wir können uns diese zwei Minuten auf YouTube ansehen. Was sieht man? Herumstehende Menschen auf der Straße, dazu zwei Minuten ohrenbetäubendes Sirenengeheul. Ist das alles? Nein!
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