Ein Politiker, der eine schlechte Rede hält, ist nicht weiter erwähnenswert. Ein Politiker, der stolz eine gute Rede ankündigt und dann eine miserable Rede hält, ist das schon eher. Ein Bundeskanzler, der stolz eine gute Rede ankündigt und dann schlechter abliefert als ein Neuntklässler mit chronischem Schlafmangel, verdient eine Abrechnung.
Ich werde in dieser Kolumne mit Zitaten von Friedrich Merz arbeiten müssen, dafür möchte ich einleitend um Entschuldigung bitten, es lässt sich aber leider nicht vermeiden. „Letzter Schliff an meiner Rede auf dem Weg zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken“, postete der Bundeskanzler am 2. Oktober auf X. Ein Hochglanzbild, ein teurer Stift in der Hand, ein konzentrierter Blick und der Nachsatz: „Nach 35 Jahren und in einer schwierigen Zeit für unser Land sollten wir uns neu sammeln und nach vorn blicken. Darum geht’s mir.“
Oha, musste jeder gutwillige Leser dieses Posts denken, da feilt aber jemand an einer mutigen Rede, vielleicht sogar an einer zweiten Ruck-Rede? Plant Friedrich Merz einen großen Befreiungsschlag? Eine zweite Agenda 2010? Den wahren Herbst der radikalen Reformen?
Die Realität klang dann zum Beispiel so: „Vieles muss sich ändern, wenn Vieles so gut bleiben oder gar besser werden soll, wie es in unserem Land bisher ist. Diesen nicht leichten Moment für unser Land sollten wir nicht als Bedrohung erleben. Lassen Sie uns darin eine Chance sehen, die wir beherzt gemeinsam ergreifen. Es ist notwendig, dass wir uns an diesem Punkt auf das wirklich Wichtige besinnen und dann eben mit Zuversicht nach vorn blicken.“
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