Die Lage in vielen deutschen Kommunen ist dramatisch. Doch kaum ein Ort zeigt die strukturellen Ursachen so deutlich wie die Kleinstadt Gehrden in Niedersachsen. Während bundesweit Städte vor der Zahlungsunfähigkeit warnen, macht Gehrden Schlagzeilen mit einem Haushaltsdefizit von 15,4 Millionen Euro im Jahr 2026. Das geht aus dem Haushaltsentwurf hervor, den Bürgermeister Malte Losert im Oktober 2025 vorgelegt hat. Dort beschreibt er die Finanzlage selbst als „reißenden Fluss und Sturm, der die Stadtfinanzen erschüttert“.
Doch statt die Bremse zu ziehen, setzt die Stadt weiter auf ein Bauprogramm, das für eine Kommune mit 15.000 Einwohnern beispiellos ist: Die Kosten für den Bau der neuen Grundschule verdreifachten sich von ursprünglich 16 Millionen auf 42 Millionen Euro. Somit wird diese Schule das teuerste öffentliche Gebäude, das je in Gehrden gebaut wurde. Dagegen sind die 10 Millionen Euro für den Bau der neuen Mensa, die 7,3 Millionen Euro für die Modernisierung des 30 Jahre alten Rathauses sowie die ca. drei Millionen Euro für das neue Feuerwehrhaus fast Peanuts.
Rudi Locher ist Fraktionsführer der FDP im Rat der Stadt und stellvertretender Vorsitzender im Ortsverband Gehrden. Im Gespräch mit Tichys Einblick erklärt er, was seine Partei von den Plänen des Bürgermeisters hält.
Tichys Einblick: Herr Locher, die kommunale Verschuldung ist so hoch wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Trotzdem denkt der Bürgermeister nicht an eine Schuldenbremse. Wie stehen Sie zu seinen neuen Bauprojekten?
Rudi Locher: Die FDP hat den derzeitigen Haushalt abgelehnt. Da wir bereits jetzt stark im Minus sind, und dennoch weitere 15 Millionen für den kommenden Haushalt eingeplant werden. Bereits in den vergangenen Haushaltsjahren wurde viel geplant, vor allem Investitionen in Baumaßnahmen. Diese wurden allerdings nie realisiert. Das heißt, der Haushalt könnte 2026 womöglich gar nicht so schlimm ins Negative anwachsen. Dann wird jedoch auch nichts gebaut, sondern alles auf das nächste oder übernächste Jahr verschoben. Dadurch wird es aber nicht günstiger, sondern im Lauf der Jahre immer kostspieliger, und die Schuldenlast in Gehrden wird sich in den kommenden Jahren auf etwa 100 Millionen belaufen. Die 15 Millionen Euro stellen lediglich das jährliche Defizit dar. Das Minus aus dem Vorjahr kommt ja noch dazu. Der Schuldenberg wächst also weiter im entsprechenden Ausmaß. Die Hauptkritik der FDP ist, dass wir unsere Ausgaben nicht mehr über die Einnahmen decken, sondern die Ausgaben weit über den Einnahmen liegen.
Wo sehen Sie denn Einsparmöglichkeiten?
Wir haben uns erstmal stark beim Thema Rathausanbau und ‑umbau engagiert, weil es mit dem Bürokratieabbau in Gehrden nicht klappt. Es wurden immer mehr Verwaltungsmitarbeiter angestellt, die mehr Platz benötigen. Darum haben wir zusätzliche Räume anmieten müssen. Hinzu kommt, dass wir das Job- oder Desk-Sharing wenig bis gar nicht und lediglich circa zehn Prozent der jetzigen Mitarbeiter das Homeoffice nutzen.
Nun könnte man natürlich auch durch Digitalisierung Mitarbeiter einsparen …
Richtig. Viele hundert Aktenmeter könnten digitalisiert werden. Dadurch würden wir auch Platz schaffen. Einige Länder, wie Skandinavien oder die baltischen Staaten, machen es ja bereits vor. Da muss niemand mehr direkt zum Amt gehen, es sei denn, es wird geheiratet. Anders als bei uns, wo man noch immer Anträge ausfüllen und diese per Post oder persönlich ins Amt liefern muss. Mir ist natürlich klar, dass wir das nicht von heute auf morgen hinbekommen. Aber wenn wir dies beschließen, brauchen wir in den nächsten zehn Jahren weniger Platz und der Rathausanbau ist obsolet.
Parteipressekonferenzen von Die Linke, CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen











