Kaum einer kennt das deutsche Schulwesen so gut wie er: Josef Kraus, selbst Lehrer, war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. In den kommenden Wochen erhalten viele Viertklässler ihre Übertrittsempfehlung für die weiterführende Schule. Aus diesem aktuellen Anlass hat Kraus das deutsche Bildungssystem kritisiert. „Die Gymnasien sind die neuen Hauptschulen“, sagte er dem Münchner Merkur. Zu viele Schüler seien „eigentlich nicht fürs Gymnasium geeignet“.
Josef Kraus arbeitete unter anderem als Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Schulleiter. Seine Kritik hängt mit dem seit Jahren steigenden Anteil von Kindern zusammen, die nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Kraus spricht von einem „Gymnasial- und Akademisierungswahn“ und kritisiert besonders die Rolle der Eltern beim Thema Schulwechsel: „Da ist dann der Elternwille, oft der Elternehrgeiz, völlig freigegeben.“ Viele folgten dem Motto: „Mein Kind hat ohne Abi und Studium keine Chance.“ Die Politik trage auch dazu bei. „Die Politik macht diesen Wahn gefälligkeitspolitisch mit, indem sie den Zugang zum Gymnasium erleichtert.“
Kraus kritisiert außerdem das sinkende Leistungsniveau. „Die Ansprüche sind stark gesunken“, sagt er. Gute Noten seien daher nur bedingt aussagekräftig. „Mit den guten Noten wird ihnen vorgegaukelt, dass sie mehr draufhätten, als sie es wirklich haben. Zeugnisse sind damit zum Teil ungedeckte Schecks.“
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