In Zeiten der Unfreiheit wandert der Blick gern in andere Länder, wo die Dinge manchmal ähnlich, manchmal auch deutlich schlechter stehen. Das hielten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts so und schrieben Aufsätze und Dramen über die Gefahren der orientalischen Despotie. Aber gemeint waren mindestens genauso die absolute Monarchie in Europa und deren Zensur-Apparat. Heute konnte sich die deutsche Presse einmal wieder dem Blick nach außen widmen und dabei die inländische Misere, die sie nicht spüren, vergessen. Der Anlass ist eine 20-jährige Gefängnisstrafe für den Hongkonger Zeitungsherausgeber Jimmy Lai. Sechs ehemalige Führungskräfte der Zeitung wurden ebenfalls am Montag zu Haftstrafen zwischen sechs und zehn Jahren verurteilt.
Hongkong ist bekanntlich eine chinesische Sonderverwaltungszone, die 1997 aus einer britischen Kronkolonie entstand. Seine Zeitung Apple Daily hat Jimmy Lai kurz zuvor im Jahr 1995 gegründet – ein buntes Blatt, das eine Art Boulevard-Journalismus nach Hongkong brachte, aber mit hohen Vertrauensraten. Der Name der Zeitung soll jüdisch-christlich inspiriert sein, aber man kann auch eine feine chinesische Logik darin erkennen: Der Apfel des Paradieses ist die Frucht des Bösen, Schlechten. Und ohne dieselben gäbe es leider nichts, was berichtenswert wäre. Wir würden immer noch im Paradies leben.
Ins Fadenkreuz der Behörden gerieten die Zeitung und ihr Herausgeber nach dem offenen Eintreten für die Hongkonger Demokratie-Bewegung. Lai habe Sensationsjournalismus betrieben und den öffentlichen Konsens gestört, hieß es allgemein. Im Apple Daily freute man sich zudem über die Wiederwahl des taiwanischen Präsidenten Chen Shui-ban, der das Inselland vom Festland-China distanzierte. Ein Punkt mehr, der Peking stören konnte. Außerdem unterstützte das Blatt auch Donald Trump seit seiner ersten Amtszeit und kritisierte die US-Democrats, auch den Präsidentensohn Hunter Biden, der fragwürdige Kontakte zur KP Chinas gehabt habe. Vielleicht auch das nur ein Ruf nach Hilfe.
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